Mesopotamien und Kleinasien: Städte, Staaten, Großreiche


Mesopotamien und Kleinasien: Städte, Staaten, Großreiche
Mesopotamien und Kleinasien: Städte, Staaten, Großreiche
 
Das Land an Euphrat und Tigris, das von den Griechen Mesopotamien, »Zwischenstrom(land)«, genannt wurde, gehört zu den frühesten Gebieten der Erde, die eine Hochkultur hervorgebracht haben. Bereits um 3000 v. Chr. entstanden hier erste staatlich organisierte Gemeinschaften, die als Stadtstaaten, Regionalstaaten und schließlich Großreiche die Geschichte des Zweistromlandes prägten und politisch wie kulturell Einfluss auf weite Teile Vorderasiens nahmen. Über die Griechen und die Römer, aber auch über die direkte Begegnung von Orient und Okzident zur Zeit der Kreuzfahrer ist manches aus der Kultur des Alten Orients schließlich bis in unsere europäische Gegenwart gelangt. Doch Mesopotamien verdient nicht vor allem deshalb besonderes Interesse, sondern muss aus sich heraus und für sich als ein Kapitel der Menschheitsgeschichte, also auch unserer Geschichte, verstanden werden.
 
 
Die natürlichen Bedingungen, unter denen die Hochkulturen an Euphrat und Tigris sowie in anderen Bereichen des Alten Orients entstanden, waren sehr unterschiedlich. Schließlich gehörten und gehören sie verschiedenen Klimazonen an, von den warmen Subtropen bis zum kalten Steppenklima. Auch die Niederschläge variieren beträchtlich und reichen von einem Jahresmittel von weniger als 100 mm in den Wüsten bis über 1000 mm an den Regenhängen der Gebirge. Davon abhängig waren Vegetation und Bodennutzung, die zudem auch vom Relief sowie der Qualität der Böden mitbestimmt wurden. Für den Verlauf der Geschichte des Alten Orients war das von großer Bedeutung, auch wenn es dem Menschen gelang, durch die künstliche Zuführung von Wasser — den Bewässerungsbodenbau — sowie die Verbesserung seiner Arbeitsmethoden solche naturgegebenen Defizite teilweise zu überwinden. Im Folgenden werden daher jene Gebiete des alten Vorderasien im Vordergrund stehen, deren Bewohner es vermochten, durch Bodenbau und Viehhaltung, Handel und Handwerk die Grundlagen für die Entwicklung einer Hochkultur zu schaffen.
 
Der Süden Mesopotamiens, oft als Babylonien bezeichnet, gehört weitgehend zur trockenen Zone Vorderasiens. Die vorwiegend in den Wintermonaten hier niedergehenden Regenfälle — mit einem Jahresmittel von weniger als 250 mm — reichten nicht aus, um dem Boden die notwendige Feuchtigkeit zuzuführen. Landwirtschaft war hier daher nur dann mit Erfolg zu betreiben, wenn aus den Flüssen Wasser auf die Felder geleitet wurde. Die flache Landschaft der mesopotamischen Tiefebene, die etwa dort beginnt, wo sich Euphrat und Tigris am stärksten einander nähern, und die bis zum Persischen Golf reicht, in den im Altertum die beiden Ströme noch getrennt einmündeten, begünstigte die Entstehung einer Bewässerungskultur. Archäologische Untersuchungen und keilschriftliche Quellen haben zahlreiche Kanäle bezeugt, die insbesondere vom langsamer fließenden Euphrat abgezweigt wurden. So wurde das südliche Mesopotamien zu einer Bewässerungsoase mit günstigen Voraussetzungen für eine dichte Besiedlung. Im nördlichen Mesopotamien hingegen konnte nur in den hier tiefer eingeschnittenen Flusstälern Wasser auf die Felder gebracht werden; dafür aber gehörte der Norden weitgehend zum Regenfeldbaugebiet, denn die Wolken gelangten durch die Westwinde vom Mittelmeer her weit nach Osten, wobei keine höheren Gebirge sie zu einem vorzeitigen Abregnen zwangen. So erhielten die nordmesopotamischen Ebenen, zu denen auch die Kulturlandschaft Assyrien gehörte, ausreichend Feuchtigkeit, um Landwirtschaft zu erlauben. Bewässerungsbodenbau im Süden und Regen- oder Trockenfeldbau im Norden waren also die wichtigsten Bedingungen für die Entstehung einer dauerhaften Besiedlung und hochkulturellen Entwicklung. Beide Gebiete gehörten zum östlichen Teil des »Fruchtbaren Halbmonds«, der sich von Palästina über Syrien und Obermesopotamien bis in die Nähe des Persischen Golfs erstreckt, im Norden seine größte Breite hat und dabei die Syrisch-Arabische Wüste teilweise umschließt. Er ist zum Bereich einer städtischen Kultur geworden, deren Ursprünge bis in das 4. Jahrtausend v. Chr. zurückverfolgt werden können.
 
Das Klima im östlichen Teil des »Fruchtbaren Halbmonds« ist halbwüstenhaft. Während der Süden Mesopotamiens noch wärmere Luft aus dem Gebiet des Persischen Golfs empfängt, wird nach Norden hin zunehmend Kontinentalklima bestimmend, mit starken Gegensätzen zwischen Sommer- und Wintermonaten. Die im Süden weit verbreitete Dattelpalme wächst hier nicht mehr, doch steht für den Getreideanbau breiterer Raum zur Verfügung. Der Norden wird zudem nicht von dem Problem bedroht, das die Feldbewässerung im Süden mit sich bringt und mit dem der Irak heute noch zu kämpfen hat: der Bodenversalzung. Durch den erhöhten Grundwasserspiegel bedingt, kommt es hier infolge der starken Verdunstung leicht zum Ausblühen der aus dem Untergrund gelösten Salze. Anders als in Ägypten, wo die Felder von der jährlichen Nilflut ausgewaschen wurden, versalzten daher die Böden immer mehr. Sie wurden vollends unfruchtbar, wenn die Versalzung in der Wurzelzone der Kulturpflanzen ein bestimmtes Maß erreichte. Die Brache war das einzige, wenigstens zeitweilig wirksame Mittel, das man damals dagegen anwenden konnte. Sie schränkte aber den produktiven Raum weiter ein. Oft wurde in einer Eroberung benachbarter Gebiete ein gewaltsamer Ausweg gesucht, um eine anwachsende Bevölkerung mit Felderträgen versorgen zu können.
 
Die agrarische Produktion war in Verbindung mit einer umfangreichen Viehwirtschaft im Süden wie im Norden Mesopotamiens somit die wesentliche Voraussetzung für eine hochkulturelle Entwicklung; ferner spielten der regionale Austausch von Erzeugnissen, dann aber auch der Handel über weitere Räume eine wichtige Rolle. Denn es fehlte an Rohstoffen, vor allem im babylonischen Süden. Die Flüsse setzten reichlich Lehm ab, der auch für das Bauen und nicht zuletzt als Schriftträger genutzt wurde, denn aus Lehm wurden auch die Tontafeln geformt. An den Flüssen und Kanälen wuchs Schilfrohr, das ebenfalls in großem Umfang Verwendung fand. Aber es fehlte vor allem an gutem Bauholz, an Metallerzen sowie an gut zu bearbeitenden Steinen. Sie mussten durch einen Produktentausch beschafft werden oder wurden wichtigstes Ziel von kriegerischen Unternehmungen. Es war nicht zuletzt dieser Mangel in der Naturausstattung Mesopotamiens, der zu den häufigen Feldzügen führte, über die Keilschrifttexte berichten.
 
Die weiten Ebenen mit Regenfeldbau im nördlichen Mesopotamien und in Syrien waren ebenfalls ein Gebiet hochkultureller Entwicklung. Vor allem im Norden, wo die vom Mittelmeer kommenden Winde Regenwolken weit ins Land transportieren konnten, boten sich günstige Bedingungen für die Landwirtschaft an. Weiter im Süden bildeten die bis 3000 Meter Gipfelhöhe aufragenden Berge des Libanon ein Hindernis, das im syrischen Binnenland nur in Bergrandoasen, wie etwa um Damaskus, einen ständigen Feld- und Gartenbau erlaubte. Erst in Palästina konnten die Regenwolken wieder weiter ins Landesinnere eindringen und eine hügelige Landschaft mit Feuchtigkeit versorgen.
 
In Kleinasien stellten sich die natürlichen Voraussetzungen für den Menschen ganz anders dar. Im Süden (Taurus) wie im Norden (Pontisches Gebirge) von hohen und steil zur Küste abfallenden Gebirgen begrenzt, die sich im Osten einander annähern und mit mehr als 5000 Metern im Ararat ihre größte Höhe erreichen, dehnt sich ein welliges Hochland mit einer Reihe von Talkesseln (Ovas) und Flussläufen aus. Im Westen öffnen sich die Täler ohne größere Barrieren zum Ägäischen Meer. Das anatolische Binnenland ist von einem stark kontinentalen Klima geprägt, mit langen und schneereichen Wintern und heißen, trockenen Sommern. Für die Landwirtschaft waren diese Bedingungen mit ihrer kürzeren Wachstumsperiode weniger vorteilhaft als die im Gebiet des »Fruchtbaren Halbmonds«. Dafür aber war Kleinasien reich an Bodenschätzen und Rohstoffen, insbesondere an Silber, Kupfer und Eisen. Die damals noch wesentlich stärkere Bewaldung bot nicht nur Bauholz, sondern auch Brennmaterial für die Verhüttung von Metallen.
 
Die klimatischen Bedingungen des Vorderen Orients haben sich in der historischen Zeit, also in den letzten fünf Jahrtausenden, nicht grundsätzlich geändert. Trockenere und feuchtere Phasen lösten zwar einander ab und konnten zu Verschiebungen der Siedlungsräume sowie zur Abwanderung von Teilen der Bevölkerung führen, aber die wesentlichen Veränderungen in der vorderasiatischen Landschaft wurden vom Menschen selbst herbeigeführt, insbesondere durch die Rodung der Wälder mit nachfolgender Erosion des Bodens sowie den Verbiss des jungen Grüns durch große Viehherden. Zwar schädigte der Mensch damals seine Umwelt nicht in dem Maße, wie das in unserer Zeit geschieht; aber auf die Dauer machte sich auch dieses Eingreifen in den Naturhaushalt bemerkbar.
 
Tontafeln und Steininschriften
 
Die Geschichte der Völker und Staaten im alten Vorderasien kann heute vor allem aufgrund ihrer eigenen umfangreichen schriftlichen Überlieferung geschrieben werden. Das ist hauptsächlich einem dauerhaften und billigen Schreibstoff zu verdanken, dem tonigen Lehm, wie er besonders im Schwemmland Mittel- und Südmesopotamiens reichlich zur Verfügung steht. Aus ihm wurden Tafeln geformt, je nach Bedarf von unterschiedlicher Größe. In den noch feuchten Ton wurden mit einem Griffel Zeichen eingedrückt, die wegen der Schräghaltung des Griffels keilförmig waren; daher die heute gebräuchliche Bezeichnung Keilschrift. Durch eine Kombination von keil- bzw. winkelförmigen Eindrücken konnte eine Vielzahl von Zeichen geschaffen werden. Ihre Zahl war anfangs, als die ursprünglich noch bildhaften, in den Ton eingeritzten Zeichen sich in keilförmige Eindrücke zerlegt hatten, die oft den Bildcharakter nicht mehr erkennen ließen, sehr groß. Um grammatische Formen wiederzugeben und eindeutige Aussagen zu fixieren, ging man dann seit dem frühen 3. Jahrtausend v. Chr. immer mehr zu einem Silbensystem über, das die Zeichenzahl auf einige Hundert reduzierte. Schließlich, um die Mitte des 2. Jahrtausends, erfand man — offenbar im nördlichen Syrien — eine »Alphabet«-Schrift, die mit 30 Keilschriftzeichen auskam.
 
An der Luft getrocknet oder auch im Ofen gebrannt, haben diese Tafeln mit Keilschrifttexten die Jahrtausende überdauert. Sie standen meistens in Archiven von Tempeln und Palästen oder wurden — so in den Privathäusern — in Körben oder Töpfen aufbewahrt. Als dreidimensionale Schrift, also eine Schrift mit einer Tiefe, eignete sich die Keilschrift auch dafür, auf Stein oder Metall angebracht zu werden, und es waren gerade Steininschriften, die am Anfang des 19. Jahrhunderts das Interesse der Forschung erregten. Den ersten Schritt zu ihrer Entzifferung tat der Göttinger Gymnasiallehrer Georg Friedrich Grotefend; doch es dauerte dann noch Jahrzehnte, bis man in der Lage war, Keilschrifttexte mit einiger Sicherheit zu lesen. Da es vor allem die Inschriften aus den Residenzen der assyrischen Könige in Nordmesopotamien waren, die zur Verfügung standen, wurde die allmählich entstehende Wissenschaft vom Alten Orient »Assyriologie« genannt — eine Bezeichnung, die heute zu einer Art Überschrift über mehrere Disziplinen geworden ist, die sich mit den Keilschrifttexten einer bestimmten Periode oder Sprache befassen. Zudem hatte man bald erkannt, dass nicht nur in Mesopotamien selbst die Keilschrift verwendet wurde, sondern auch in anderen Gebieten Vorderasiens, im südwestlichen Iran ebenso wie in Syrien, in Anatolien und in Transkaukasien.
 
Daneben aber gab es weitere Schriftsysteme, die noch stärker ihren bildhaften Charakter bewahrten und nicht dreidimensional waren. Sie hatten den Vorteil, auch auf Holz, Häute (Pergament) oder Papyrus geschrieben werden zu können. Aber dabei handelte es sich um Schriftträger, die im Klima Vorderasiens nicht überdauerten. Die heutige Kenntnis von diesen Schriften basiert vor allem auf den überlieferten Steininschriften sowie Inschriften auf Siegeln, die auf Ton abgedrückt wurden. Eine besondere Rolle unter diesen »zweidimensionalen« Schriften spielte die in Syrien entwickelte Linearschrift, deren sich auch die Phöniker bedienten. Durch ihre Handelskontakte brachten sie ihre Alphabetschrift auch nach Griechenland, wo sie übernommen und weiterentwickelt wurde. So wurde die im Alten Orient entstandene Schrift schließlich auch zum Vorgänger unserer heutigen lateinischen Schrift.
 
Völker und Sprachen des Alten Orients
 
Die Keilschrift ist, wie die Lateinschrift heute, für verschiedene Sprachen benutzt worden, so für das Sumerische, das im 3. Jahrtausend v. Chr. im südlichen Mesopotamien gesprochen wurde und danach noch der gelehrten Literatur, dem Kult und bei der Formulierung von Rechtsurkunden diente, sodann für das Babylonisch-Assyrische, nach dem mittelmesopotamischen Land Akkad auch Akkadisch genannt. In dieser semitischen Sprache wurde nicht nur der größte Teil der überlieferten Texte Mesopotamiens verfasst, sondern sie war im 2. Jahrtausend v. Chr. auch im hethitischen Anatolien und in Syrien in Gebrauch, insbesondere für die diplomatische Kommunikation; auch in Ägypten gab es Schreiber, die sich ihrer im Verkehr mit vorderasiatischen Partnern bedienten. Zu den semitischen Sprachen gehörten, nun nicht mehr in Keilschrift niedergeschrieben, auch die Sprachen der Aramäer, der Phöniker, der Hebräer und der südarabischen Sabäer. Die Hethiter Anatoliens und andere ihnen verwandte Gruppen hatten zudem aus ihren früheren Wohnsitzen ihre indoeuropäische Sprache nach Vorderasien gebracht und in Keilschrift fixiert. So ist das Hethitische bislang die älteste indoeuropäische Sprache, die wir aus eigener schriftlicher Tradition kennen. Mit den zur semitischen oder indoeuropäischen Gruppe gehörenden Völkern sind aber noch nicht alle Bewohner und Sprachen des alten Vorderasien erfasst. Es gab da noch die Hurriter im obermesopotamisch-syrischen Raum, die eine Sprache verwendeten, die mit der der transkaukasischen Urartäer des 1. Jahrtausends v. Chr. verwandt ist. Als weitere Sprachen sind zu nennen das Elamische des südwestlichen Iran, das nur noch in Resten überlieferte Kassitische, das (indoeuropäische) iranische Altpersische. In Anatolien waren es im 1. Jahrtausend v. Chr. die den Hethitern dort nachfolgenden Phryger, Lyder und Lyker, die ebenfalls Indoeuropäer und damit den Griechen verwandt waren. So gibt es eine Vielfalt an Schriften und Sprachen, deren Zeugnis zu berücksichtigen ist, wenn Vorderasien von den frühen Perioden bis zum Perserreich dargestellt werden soll.
 
Synchronismen und Eponymen: Probleme der Chronologie
 
Die unterschiedlichen schriftlichen Überlieferungen in Einklang zu bringen, um die Geschichte der altvorderasiatischen Staaten und ihr Ringen um Macht oder Überleben zu skizzieren, erfordert vor allem eine Chronologie, das heißt die zeitliche Bestimmung von Ereignissen. Dabei geht es einmal darum, zeitgleiche Vorgänge, wie sie in den Texten erwähnt werden, als Synchronismen zu Fixpunkten einer relativen Chronologie zu machen. Andererseits aber muss versucht werden, diese Daten in Zahlen entsprechend unserer modernen Zeitrechnung wiederzugeben, also eine absolute Chronologie auszuarbeiten. Gerade hier aber gibt es noch viele offene Fragen.
 
Man kannte im Alten Orient keine Ära, nach der man einheitlich datiert hätte. Die einzelnen Staaten oder Territorien entwickelten unterschiedliche Methoden, um Ereignisse zeitlich einzuordnen. Wichtig sind für eine absolute Chronologie vor allem die Jahresnamen, das heißt die Benennung eines Jahres nach einem bestimmten herausragenden Ereignis (des Vorjahres). Bereits in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. hatte man damit begonnen, Jahren derartige Namen zu geben, die heute mit mehr oder weniger Sicherheit in eine Abfolge gebracht werden können. Mitte des 2. Jahrtausends begann man, die Jahre nach bestimmten Beamten zu bezeichnen, den Jahresbeamten oder — mit ihrem griechischen Namen — Eponymen, die dann auch in Listen zusammengestellt wurden. Ab etwa 910 v. Chr. sind die Eponymen Assyriens in ihrer längeren Abfolge bekannt, und ihre Namen werden zum Teil mit wichtigen Ereignissen ihrer Amtszeit verknüpft. Dazu gehörte auch die Notiz über eine Sonnenfinsternis, die sich, nach der Berechnung heutiger Astronomen, am 15. Juni 763 v. Chr. ereignete. Ausgehend von diesem Datum, können die Eponymen entsprechend einer absoluten Chronologie bis zum Jahr 910 zurückverfolgt werden. Das sowie die Jahresberichte assyrischer Könige erlauben es, die Daten wenigstens für das 1. Jahrtausend v. Chr. mit Sicherheit festzulegen.
 
Was das 3. und 2. Jahrtausend betrifft, so kann hier nicht in gleichem Maß eine Übereinstimmung in der Chronologie erreicht werden. Und die Differenzen werden umso größer, je weiter man zeitlich zurückgeht; für das 3. Jahrtausend sind die meisten Daten daher nur als Annäherungswerte zu verstehen. Dabei ist die Forschung im Wesentlichen in Anhänger von drei verschiedenen Chronologien gespalten — eine lange, eine mittlere und eine kurze. Ausgangspunkt ist eine in einem Keilschrifttext überlieferte astronomische Beobachtung, die sich diesmal allerdings nicht auf eine einzelne besondere Erscheinung bezieht, sondern auf eine regelmäßig — und zwar alle 56 oder 64 Jahre — wiederkehrende Erscheinung. Sie findet sich in einer Liste der heliakischen (in der Morgen- bzw. Abenddämmerung stattfindenden) Auf- und Untergänge des Planeten Venus, die aus der Regierungszeit des altbabylonischen Königs Ammisaduqa stammt, eines Nachfolgers Hammurapis. Ausgehend davon, dass sich ein solches Datum in die frühen Regierungsjahre des Ammisaduqa legen lässt, kam man aufgrund historischer und archäologischer Überlegungen zu drei möglichen absoluten Daten für diesen König, der nach den Königslisten 21 Jahre geherrscht haben soll: 1702—1682, 1646—1626 oder 1582—1562. Die meisten Forscher folgen heute, ohne dass aber Gewissheit erreicht werden konnte, der mittleren dieser Chronologien; es ist eine Art Übereinkunft, die auch davon begünstigt ist, dass die meisten Daten altvorderasiatischer Geschichte dementsprechend berechnet in Übersichten vorliegen, selbst wenn die astronomische Grundlage dieser Chronologie nicht ohne Widerspruch geblieben ist. Manche in den Texten erwähnten Ereignisse lassen sich bisher schwer mit diesen Chronologien in Einklang bringen, sodass sich doch jeder Autor historischer Studien für seine Arbeit neu entscheiden muss. Im Folgenden wird der mittleren Chronologie gefolgt, auch wenn die kurze in letzter Zeit wieder mehr Fürsprecher gefunden hat.
 
Die »neolithische Revolution«
 
Jahrtausende vor der Zeit, in der Schriftzeugnisse Ereignisse zu schildern und Personen oder Orte mit Namen zu nennen beginnen, existierten in Mesopotamien und anderen Gebieten Vorderasiens bereits Siedlungen sesshafter Bodenbauern. Steingerätschaften, die vor allem in den östlich an das Zweistromland angrenzenden Bergtälern des Zagros gefunden wurden, legen Zeugnis dafür ab, dass Teile des Zweistromlandes, Syriens und Anatoliens bereits in der Altsteinzeit Lebensraum des Menschen waren. Die Grundlagen für die spätere Entwicklung wurden, wohl begünstigt durch ein wärmeres, nacheiszeitliches Klima, aber erst in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, gelegt, etwa ab dem 9. Jahrtausend v. Chr. Dieser Vorgang, oft als »neolithische Revolution« bezeichnet, brachte mit Pflanzenanbau und Nutztierhaltung den vollen Übergang zu einer sesshaften Produktion des Lebensunterhalts. Das führte zu dauerhaften Ansiedlungen, wie sie von der archäologischen Forschung im Randsaum der Flusstäler von Euphrat und Tigris sowie ihrer Nebenflüsse, in Syrien/Palästina und in Kleinasien festgestellt worden sind, das heißt in Gebieten mit einer für den Bodenbau ausreichenden Regenmenge. Es entstanden dörfliche Gemeinschaften, innerhalb deren sich die Menschen auf bestimmte produktive Tätigkeiten spezialisierten. Die Bearbeitung des Bodens mithilfe von hackenähnlichen Geräten und Grabstöcken und der Anbau von Getreide — Emmer, Einkorn, Brotweizen, zweizeilige Gerste — sowie Gemüse bildeten mehr und mehr die Voraussetzung für das Überleben der Siedlungsgemeinschaften. Der Mensch war vom Sammeln und der Jagd der Nahrung zu ihrer Produktion übergegangen, was den Ertrag weniger dem Zufall überließ und sogar durch Verbesserung der Technik und Kooperation zu einer Erhöhung der Überschüsse führen konnte. Das wiederum begünstigte die allmähliche Verselbstständigung einer handwerklichen Produktion und die Herausbildung anderer, nicht unmittelbar der Erzeugung des Nahrungsaufkommens zugeordneter Funktionen.
 
Der Bodenbau wurde dabei bis in jene Gebiete ausgedehnt, die nicht mehr genügend Regenfeuchtigkeit erhielten und in denen somit Flusswasser zur Bewässerung (Irrigation) genutzt werden musste. Anfänge einer Irrigation mithilfe kleiner Kanäle lassen sich bereits für das 7. Jahrtausend v. Chr. feststellen, so etwa fächerartig angelegte Bewässerungsgräben, die östlich des Tigris unweit des heutigen Bagdad nachgewiesen werden konnten. Sie zwangen die Menschen zu gemeinsamer und ortsfester Tätigkeit, bei der sie auch größere Häuser für die Großfamilien errichteten. Im Verlauf des 6. Jahrtausends scheint es dabei zu deutlicheren Unterschieden der Dorfbewohner hinsichtlich Rang und Reichtum gekommen zu sein — erste Anzeichen einer sozialen Hierarchie, wie sie sich im archäologischen Material von Kulturen ablesen lässt, die nach wichtigen Fundplätzen einer typischen Keramik wie der von Tell Halaf im Norden und Hadji Muhammed im Süden Mesopotamiens bezeichnet werden. In Kleinasien wurde bei Ausgrabungen in Çatal Hüyük (unweit der heutigen türkischen Stadt Konya) eine Großsiedlung entdeckt, die auf Landwirtschaft, Jagd und Nutzung örtlicher Rohstoffe basierte und vor allem durch ihre Wandmalereien und Kleinplastiken einen Eindruck von der Vorstellungswelt ihrer Bewohner vermittelt. In Jericho in Palästina ließ sich eine ummauerte Siedlung mit Speichern feststellen, in denen die Ernteerträge eingelagert werden konnten.
 
Die einzelnen dörflichen Gemeinschaften verbanden sich bei dem Streben nach einer Erhöhung ihrer Erträge allmählich zu Siedlungssystemen mit einer gewissen Arbeitsteilung, vor allem im dichter besiedelten mesopotamischen Schwemmland. Dabei entwickelte sich auch bei den handwerklichen Tätigkeiten eine Spezialisierung, bei der das Handwerk zum Beruf wurde. Für die Zukunft hatte dabei die Verarbeitung von Kupfererz besondere Bedeutung, das zunächst kalt gehämmert, dann auch gegossen wurde. Schließlich gelang es, durch eine Legierung des Kupfers mit Blei, Antimon, Arsen oder Zinn einen neuen, vielseitig verwendbaren Werkstoff herzustellen, die Bronze. Bei der keramischen Produktion spielte vor allem die Verwendung einer drehbaren Töpferscheibe eine Rolle, wobei sich auch die Möglichkeiten einer Verzierung veränderten. Im 5. Jahrtausend kam es zu einem geometrischen Stil, der nach dem Fundort Tell el-Obeid am Unterlauf des Euphrat benannt wird und sich weit verbreitete. Dies weist auf überregionale Kontakte hin, die sich nach Norden über ganz Mesopotamien erstrecken.
 
Dieses System einer Kommunikation trug gewiss dazu bei, dass sich einige Zentren profilieren konnten, die einen städtischen Charakter annahmen. Für das 4. Jahrtausend v. Chr. haben vor allem die Ausgrabungen in Uruk, dessen Ruinen beim heutigen Warka in Irak liegen, eine urbane Anlage erkennen lassen. Diese lag an einer Abzweigung des unteren Euphrat und bedeckte um die Mitte des 4. Jahrtausends eine Fläche von etwa 250 ha, auf der mindestens 25000 Menschen lebten. Die zentrale Rolle Uruks im Wirtschaftsleben des südlichen Mesopotamien sowie seine weit nach Norden reichenden Verbindungen trugen entscheidend dazu bei, dass sich die sozialen Strukturen hier deutlicher ausprägten und die Entstehung einer politischen Gewalt begünstigt wurde. Auch in anderen Gebieten Vorderasiens sind solche Zentren archäologisch untersucht worden, wie etwa der Ort an der Stelle des heutigen Habuba Kabira (bei Tabqa in Syrien) am mittleren Lauf des Euphrat. Die städtische Siedlung wurde durch eine lange Mauer geschützt, die eine Fläche von 16 bis 18 Hektar umschloss.
 
Die Erfindung der Schrift
 
Die komplizierter und enger werdenden wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen der einzelnen Zentren Mittel- und Südmesopotamiens machten ein erstes System von Zählmarken (»Tokens«) notwendig. Kleine, unterschiedlich geformte Tonklümpchen standen dabei für bestimmte Teile von Lieferungen, so etwa von Vieh. Sie wurden dann oft in etwa tennisballgroße Tonkugeln gesteckt, die man vor dem Verschließen mit den häufig mit Ritzzeichnungen versehenen Tokens stempelte, wodurch bereits ein Hinweis auf den Inhalt gegeben wurde. Dieser wurde damit sicher verwahrt, bis am Bestimmungsort dann diese »Begleitdokumente« aufgebrochen wurden. Die Kennzeichen auf den Belegmarken wurden zum Teil dann Vorbild für spätere Schriftzeichen, stellten selbst aber noch keine Schrift dar, die auch andere Aussagen wiedergeben können musste.
 
Der wesentliche Schritt zur Einführung einer Schrift folgte bereits gegen Ende des 4. Jahrtausends, und zwar im südlichen Mesopotamien. Die bislang ältesten Zeugnisse dafür wurden in der Schicht IVa von Uruk ausgegraben. Anfangs in den feuchten, zu Tafeln geformten Ton nur eingeritzt, gaben die Zeichen zunächst ein Abbild dessen wieder, was sie bedeuteten. Als man sie dann mit einem Griffel einzudrücken begann, wurden diese Bildsymbole (Piktogramme) zu Kombinationen von keilförmigen Zeichen, die sich immer mehr vom ursprünglichen Vorbild entfernten und zunehmend auch abstrakte Begriffe, Qualitäten sowie Tätigkeiten bezeichnen konnten. Damit war die Grundlage für das gegeben, was bereits eingangs als Keilschrift erwähnt worden ist. Diese Keilschrift, zunächst für einfache Wirtschaftsnotizen genutzt, fand in den städtischen Zentren Mesopotamiens und ab dem 3. Jahrtausend auch außerhalb des Zweistromlandes eine immer differenziertere Anwendung. Sie diente auch der Aufzeichnung literarischer und historischer Themen bis hin zur Überlieferung von Mythen und Epen, Kult- und Omentexten. Sie wurde damit zum vorrangigen Schriftsystem, in dem auch die Texte niedergeschrieben wurden, die im Folgenden als Quellen für die politische Geschichte des vorhellenistischen Vorderasien benutzt worden sind.
 
Staaten der frühdynastischen Zeit in Mesopotamien
 
Der Entstehung der ersten staatlich organisierten Gesellschaften des Vorderen Orients ist eine Ausdehnung überregionaler Beziehungen vorausgegangen, die bereits in der mittleren Urukzeit, also noch im 4. Jahrtausend, einsetzte. Vor allem von den Zentren im Süden Mesopotamiens, die zwar auf ihren bewässerten Feldern gute Ernten einbrachten, jedoch nicht über Bauholz, Stein und Erz verfügten, wurden Stationen an einer Reihe von Plätzen gegründet, die den Zugang zu diesen Rohstoffen vermitteln konnten. Solche Stützpunkte sind an einer Reihe von Orten im weiteren Umfeld dieser Städte festgestellt worden, wie etwa in der Ebene von Khusistan, im Gebiet des linken Tigrisnebenflusses Dijala und im nördlichen Babylonien, in Obermesopotamien — hier insbesondere im Gebiet des oberen Khabur —, im Euphratbereich Nordsyriens sowie sogar im Südwesten Anatoliens. Vielleicht konnten diese Aktivitäten dabei an Beziehungen anknüpfen, die schon vor der Urukzeit entstanden waren. Eine Reihe von Artefakten (von Menschen geschaffene Gegenstände) sowie gelegentlich auch Zeugnisse in Urukschrift können als Hinweise auf eine ausgedehnte Wirtschaftstätigkeit südmesopotamischer Zentren gewertet werden, nicht aber als Anzeichen einer politischen Expansion. Es ist aber zu vermuten, dass die im mesopotamischen Süden ansässigen Sumerer, die eine nichtsemitische Sprache verwendeten, zugleich ihren Siedlungsraum in Mesopotamien weiter ausdehnten. Sie kamen dabei in engeren Kontakt zu den semitischsprachigen Gruppen, die im mittelmesopotamischen Raum lebten und die sich später ihrerseits weiter nach Süden ausbreiteten. Die wirtschaftlichen Verbindungen werden dazu beigetragen haben, dass sich im südlichen Mesopotamien starke Stadtstaaten herausbildeten. Zugleich kam es zur Rivalität dieser Staaten, vor allem um den Zugang zu Wasser und kulturfähigem Boden. Dabei wurden auch Gefangene gemacht, deren Vorführung in Fesseln der Abdruck eines Siegels zeigt, das in Uruk gefunden wurde. Sie wurden offenbar unter anderem als Arbeitskräfte in der Bewässerungslandwirtschaft eingesetzt. Dadurch wurde eine soziale Komponente verstärkt, die fortan eine Rolle in der altvorderasiatischen Gesellschaft spielte, ohne jedoch dominant zu werden.
 
Im frühen 3. Jahrtausend, während der Djemdet-Nasr-Zeit (nach dem Ruinenhügel Djemdet Nasr) oder auch Uruk-III-Zeit, scheint es dann zur verstärkten Zuwanderung einer semitischsprachigen Bevölkerung sowohl nach Südmesopotamien als auch nach Nordsyrien gekommen zu sein. Es ist nicht auszuschließen, dass eine Reihe von Trockenjahren halbnomadische Gruppen dazu veranlasste, in die Ackerbaugebiete am Rand der syrisch-arabischen Wüstensteppe abzuwandern. Diese Bewegungen trugen dazu bei, dass das »Uruksystem« im Norden an Einfluss verlor, sich die Entstehung von Stadtstaaten im Süden aber verstärkt fortsetzte. Diese Stadtstaaten bestanden jeweils aus dem urbanen Zentrum selbst sowie aus einer Reihe von zugeordneten dörflichen Siedlungen. Sie waren etwa identisch mit Bewässerungssystemen, die die Zusammenarbeit der dort lebenden Bevölkerung erforderten. Im mittelmesopotamischen Raum, in dem eine regionale Kooperation weniger notwendig war als in den Bewässerungsgebieten des Südens, setzte sich eine andere staatliche Struktur durch, die vor allem durch eine geringere Rolle der Tempel gekennzeichnet war; ein Gegensatz zwischen »weltlicher« Macht und den Tempeln, wie er sich im südlichen Mesopotamien entwickelte, ist im Norden weniger spürbar geworden.
 
Allerdings dürfte die politische Rolle der Tempel heute als weniger bedeutend angesehen werden; die Tatsache, dass die verfügbaren Schriftzeugnisse in sumerischer Sprache ausschließlich in den Heiligtümern entdeckt wurden — allein aus dem Bereich des Tempelkomplexes Eanna in Uruk sind es mehr als 4000 Texte —, hatte zeitweilig dazu geführt, dass das gesamte Gemeinwesen als Tempelstaat betrachtet wurde. Als Leiter dieser Wirtschaftseinheiten, aus denen sich dann Stadtstaaten formten, sind in den sumerischen Texten Fürsten erwähnt, die den Titel eines »Herrn« trugen. Sie konnten ihre Würde an ihre Söhne vererben und damit Dynastien gründen, weshalb diese Periode als »frühdynastisch« bezeichnet wird. Erstmals werden jetzt Stadtfürsten durch Inschriften mit ihren Namen und Taten als historische Persönlichkeiten bekannt, wie Mebaragesi und Aka von Kisch oder Gilgamesch von Uruk (27. Jahrhundert v. Chr.), später Held des größten Epos, das der Alte Orient hervorgebracht hat. In Texten aus Ur, die aus der Zeit um 2700 stammen, wird erstmals das sumerische Wort für »Palast« (wörtlich: »großes Haus«) genannt, und aus nur wenig späterer Zeit datieren die frühesten archäologischen Hinweise auf solche Fürstensitze in Eridu und Kisch. Über Mesilim von Kisch wird berichtet, er habe in einem Grenzstreit zwischen den Stadtstaaten Lagasch und Umma vermittelt, wohl ein Indiz dafür, dass sein Wort auch weit im Süden des Zweistromlandes etwas galt. »König von Kisch« ist später sogar zu einem Titel mit universalem Anspruch geworden. Die Fürsten selbst vertraten ihren Stadtstaat auch gegenüber den Göttern und beteiligten sich maßgeblich an den entsprechenden rituellen Handlungen. Sie waren damit Priesterfürsten, und nach ihrem Tod konnten sie — wie etwa Gilgamesch im Epos — selbst unter die Götter erhoben werden.
 
Die Kämpfe dieser Fürsten um die Vormachtstellung im sumerischen Süden entsprachen offenbar der notwendigen, einer wachsenden Bevölkerung entsprechenden Ausdehnung der Bewässerungssysteme und deren Kontrolle. Einige historische Nachrichten darüber haben sich in den Bauinschriften der Fürsten von Lagasch erhalten, die auch eine Reihe bedeutender Denkmäler hinterlassen haben, wie die reliefierte Kalksteinstele des Fürsten Eannatum (um 2470 v. Chr.) aus Girsu. Sie berichtet in Wort und Bild über Kämpfe gegen das benachbarte Umma und zeigt, soweit noch erhalten, Schwerbewaffnete in einer Phalanx, das persönliche Eingreifen des Stadtgottes Ningirsu, der Gegner in einem Netz gefangen hat und mit einer Keule erschlägt, sowie getötete Feinde, an deren Leichen sich bereits Geier eingefunden haben. Diese »Geierstele« ist bisher das erste Denkmal, das ein historisches Ereignis wiedergibt. Andere Inschriften nennen die Stadtstaaten von Ur und Uruk sowie Kisch, Akschak und sogar Mari am mittleren Euphrat. Der Fürst von Lagasch versuchte, seine Herrschaft auch weiter im Norden zur Geltung zu bringen und damit die Kontrolle über wichtige Handelswege zu gewinnen, die den Euphrat aufwärts bis in das nördliche Syrien verliefen, wo sich mit Ebla (Tell Mardich, etwa 60 km südwestlich von Aleppo) ein wichtiges politisches und wirtschaftliches Zentrum entwickelt hatte. Auskünfte über Ebla geben Tausende von Keilschrifttexten, die es in Kontakt nicht nur zu Mari, sondern auch zu Kisch zeigen. Nach Osten hin hat Eannatum auch auf Elam (Khusistan) Einfluss gewinnen können, wenn wir seinen eigenen Worten Glauben schenken können.
 
Später scheint es in Lagasch zu einer sozialen und innenpolitischen Krise gekommen zu sein. Sie dürfte sich in den »Reformtexten« des Uruinimgina andeuten, in denen über die Beseitigung von Missständen im Land und über einen Schutz der Witwen und Waisen gegen die Mächtigen berichtet wird. Aber auch von außen drohte Gefahr, insbesondere durch die Stadtstaaten Umma und Uruk. Hier hatte Lugalzaggesi (um 2350 v. Chr.) die Herrschaft übernommen, dann Lagasch angegriffen, diese Stadt zerstört und die Heiligtümer des Landes verwüstet und geplündert. Lugalzaggesi behauptete sogar in seinen Inschriften, alles Land vom »Unteren Meer« bis zum »Oberen Meer« besiegt zu haben. Da mit diesen Begriffen der Persische Golf bzw. das Mittelmeer bezeichnet wurden, hat er offenbar die Kontrolle über einen Teil der zwischen diesen Meeren verlaufenden Handelswege ausgeübt.
 
Mit Lugalzaggesi endet die frühdynastische Zeit, die bereits erkennen ließ, dass die Konzentration politischer Macht den Rahmen des alten mesopotamischen Stadtstaatensystems sprengte. Als größte Wirtschaftseinheit hatten sich in diesen südmesopotamischen Staaten die Tempel entwickelt, die zugleich Zentren der Gelehrsamkeit und eng mit der politischen Gewalt, den Palästen, verbunden waren. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Fürstensitze in Konkurrenz zu den Tempeln traten und versuchten, sich diese unterzuordnen. Etwas anders stellte sich die Situation im mittleren Mesopotamien dar, wo die Paläste — etwa der des Fürsten von Kisch — nicht in gleichem Maße mit starken Tempelorganisationen konfrontiert waren, die auch politische Ansprüche stellten. In jedem Fall aber wurde das wirtschaftliche und soziale Leben an Euphrat und Tigris von den »großen Institutionen«, Tempel und Palast, beherrscht, die alle zentralen Funktionen ausübten, vor allem das Einziehen der Abgaben und deren Wiederverteilung für Dienstleistungen.
 
Die politische Zusammenfassung eines großen Teils Mesopotamiens gelang dann dem Gegner des Lugalzaggesi, Sargon, akkadisch Scharrukin. Dieser war ein Usurpator, um dessen Herkunft sich eine Legende rankte, die mit dem Motiv der Aussetzung als Säugling in einem Korb auf dem Fluss und dem späteren Aufstieg zum Ruhm sowohl die Herkunftssage von Mose wie auch von Romulus und Remus vorwegnahm. Der Tradition nach wurde er zunächst Mundschenk des Königs von Kisch, bis es ihm schließlich gelang, diesen zu entmachten und selbst den Thron dieser mittelmesopotamischen Stadt zu besteigen. Das Zentrum mesopotamischer Macht verlagerte sich damit erneut nach Kisch in Mittelmesopotamien oder, wie dieses Gebiet nun genannt wurde, in das Land Akkad.
 
Das Reich von Akkad
 
Sargon (2340—2284), der nach der Entthronung des Königs von Kisch die Kontrolle über Mittelmesopotamien besaß, gründete hier eine neue Residenzstadt, Akkad; ihre baulichen Überreste konnten bis heute noch nicht wieder entdeckt werden. So fehlt es an Zeugnissen aus der Hauptstadt selbst, doch geben Inschriften aus anderen Zentren Mesopotamiens und schließlich auch die ausschmückenden Erzählungen, die Sargons Taten später erfuhren, einen Eindruck von den Ereignissen seiner Zeit. Er wandte sich zunächst nach Süden, wo er in 34 Schlachten das Land bis zur Küste des Persischen Golfes unterworfen haben soll. Ur und Uruk, Umma sowie Lagasch und Girsu gehörten nun zu seinem Reich. Lugalzaggesi, den mächtigsten Fürsten des Südens, nahm er gefangen und stellte ihn in einem Käfig, mit einem demütigenden hölzernen Ring um den Hals, zur Schau. Danach zog er den Euphrat aufwärts nach Norden, gewann die Kontrolle über Mari und das nordsyrische Ebla. Sogar den Taurus mit seinen Silberminen will er erreicht haben, und eine spätere Legende weiß zu berichten, dass er noch bis nach Anatolien gelangt sei. Schließlich blieb noch der Südosten zu erobern, wo im Gebiet des heutigen Khusistan das Königreich Elam entstanden war. Seine wirtschaftlichen Grundlagen waren die Bewässerungslandwirtschaft, der Zugang zu den Rohstoffen der nahen Bergregionen sowie die Kontrolle wichtiger Handelswege, die Mittel- und Vorderasien miteinander verbanden. Inwieweit es Sargon gelang, Einfluss auch auf dieses Gebiet zu erlangen, bleibt unklar; überhaupt ist es noch schwierig, die für seine insgesamt 56 Regierungsjahre überlieferten Ereignisse in der Abfolge darzustellen, in der sie sich abgespielt haben.
 
Wie weit sich das Reich Sargons wirklich ausdehnte, ist noch nicht genauer zu bestimmen. In jedem Fall aber darf in Sargon doch derjenige mesopotamische König gesehen werden, der erstmals seinen Einfluss zwischen Persischem Golf und Mittelmeer in weiten Bereichen zur Geltung bringen konnte. Spätere Könige haben, oft vergeblich, versucht, ihm darin nachzueifern. Inschriften seiner Zeit melden stolz, dass am Handelshafen von Akkad Schiffe aus dem fernen Tilmun (um Bahrain), aus Magan (Oman) und sogar Melucha (wohl Zentrum der Harappa- oder Induskultur) anlegten.
 
Schon bald aber zeigte sich, dass Sargons Herrschaft in Mesopotamien noch nicht dauerhaft war. Die von ihm besiegten Stadtstaaten versuchten, wieder selbstständig zu werden. Sargons Sohn Rimusch (2283—2275) musste sogleich bei Regierungsbeginn eine Rebellion niederwerfen. Er zerstörte mehrere feindliche Städte und ließ ihre Mauern schleifen. Wie es heißt, sollen Tausende von Gegnern getötet oder in Arbeitslager verschleppt worden sein. Wie ein Omentext später andeutet, wurde Rimusch dann das Opfer einer Palastrevolte. Vielleicht war er selbst durch eine solche Intrige dereinst zur Macht gelangt, denn er scheint jünger als sein Bruder Manischtuschu (2274—2260) gewesen zu sein, der erst nach dem Tod des Rimusch die Herrschaft antreten konnte. Wie sein Vorgänger konzentrierte er sich vor allem auf eine Erweiterung der Macht Akkads im Bereich des Persischen Golfs. Hier lag das Hauptinteresse des südmesopotamischen Handels, bei dem vor allem Kupfer, Edelholz und Gewürze importiert wurden. Eine Rolle als Zwischenstation spielte dabei Tilmun, das in der literarischen Überlieferung Mesopotamiens als wahres Paradies geschildert wird, versehen mit gutem Trinkwasser.
 
Der Etablierung akkadischer Macht im Bereich der ehemaligen sumerischen Stadtstaaten diente die Einsetzung einer Tochter Sargons, Encheduanna, als Priesterin des Mondgottes Nanna im traditionsreichen Ur. Auch später haben Königstöchter dieses Amt ausgeübt, doch zeichnete sich Encheduanna dadurch aus, dass sie zwei lange Hymnen in sumerischer Sprache verfasste und Lieder auf die verschiedenen Tempel Südmesopotamiens zusammenstellen ließ. Sie ist somit die erste Dichterin des Alten Orients, die uns mit ihrem Namen und ihrem Werk bekannt ist.
 
War Sargon der Begründer des ersten mesopotamischen Territorialstaates, so kommt Naramsin (2259—2223) das Verdienst zu, diesen weiter ausgebaut zu haben. Auch er musste sich zunächst mit einem Aufstand auseinander setzen, der von Kisch aus weite Teile des Königreiches erfasste. Neun Schlachten innerhalb eines Jahres soll er geschlagen haben, um das Reich wiederherzustellen, doch der späteren Dichtung »Fluch über Akkad« zufolge benötigte er mehrere Jahre, um Südmesopotamien einschließlich des alten Kultzentrums Nippur erneut zu unterwerfen. Wie Sargon zog er den Handelsweg euphrataufwärts bis Syrien, wo er Ebla besiegte und bis zur Küste des Mittelmeeres gelangte. Im Nordosten kämpfte er gegen das Bergvolk der Lullubäer; eine Siegesstele zeigt ihn, wie er den Truppen voranschreitet und die Gegner niederwirft. Seinen Helm zieren Hörner, wie sie sonst nur den Göttern zukamen, Sinnbilder der mächtigen und fruchtbaren Stiere bereits seit der Vorzeit. Auch Texte bezeugen ihn als »Gott von Akkad«, der damit über den lokalen Göttern der alten Stadtfürstentümer stand, und sie weisen zugleich darauf hin, dass das sowohl dem Wunsch der Götter selbst als auch dem der Bevölkerung entsprochen habe. Diese Vergöttlichung des Herrschers musste besonders das alte Kultzentrum Nippur treffen, dessen Stadtgott Enlil im ganzen sumerischen Süden Verehrung genossen hatte. So ist es gewiss kein Zufall, dass Naramsin gerade in Nippur einen Militärgouverneur als höchsten Beamten einsetzte. Die Vergöttlichung des Herrschers diente somit der Festigung der Dynastie von Akkad, deren Könige ihren Anspruch auf Hegemonie auch durch den Titel eines »Königs von Kisch« ausdrückten; überdies wurden Maßnahmen getroffen, um den Staat zu organisieren. Er wurde in Provinzen unterteilt, in denen Vertraute des Königs regierten. Wie es heißt, hatten nunmehr »vom Unteren Meer an Söhne von Akkad die Ämter des Stadtfürsten (Ensi) inne«. Kronland wurde für Dienste in Verwaltung und Heer zur Verfügung gestellt, woraus eine engere Beziehung zwischen dem König und der Beamtenschaft sowie den Truppen entstand, den wesentlichen Stützen seiner Macht. Das Heer bestand nun schon nicht mehr nur aus dem jeweiligen Aufgebot der waffenfähigen Bevölkerung, sondern offenbar auch aus »Berufstruppen«. Sie gehörten zu jenen 5400 Leuten, die täglich ihr Brot »vor dem König aßen«.
 
Diese Maßnahmen vermochten jedoch den Verfall des Reiches von Akkad unter den Nachfolgern Naramsins nicht aufzuhalten. Der Niedergang begann bereits unter seinem Sohn Scharkalischarri (2222—2198). Auch er ließ sich als Landesgott verehren. Jetzt drohten Gefahren für das Reich vor allem aus zwei Richtungen: Von Nordwesten her, aus den Gebieten am mittleren Euphrat, drängten halbnomadische Gruppen ins Bewässerungsland vor, die »Westleute«, sumerisch Martu, akkadisch Amurru und davon abgeleitet Amurriter oder Amoriter genannt. Vielleicht war ihr bisheriger Lebensraum von der Trockenperiode betroffen, die in den Regenfeldbaugebieten des mesopotamischen Nordens für die Zeit ab etwa 2200 v. Chr. angenommen werden darf und dort zur Aufgabe einst bestellbarer Flächen sowie zur Auflassung einer Reihe von bedeutenden Siedlungen geführt hatte. Für den Bestand des Reiches noch gefährlicher waren jedoch die Gutäer, Bewohner der Gebirge im Osten. Zuvor nur in kleineren Gruppen als zeitweilige Arbeitskräfte in Mesopotamien auftretend, drangen sie nach dem Tod Scharkalischarris — auch er fiel einer Palastverschwörung zum Opfer — erstmals in großer Zahl in das Zweistromland vor. Die Könige, die noch auf dem Thron Akkads saßen, waren praktisch ohne Bedeutung; wir wissen von ihnen kaum etwas. Einen tiefen Eindruck haben dagegen die Gutäer in der mesopotamischen Überlieferung hinterlassen. Der sumerischen Königsliste zufolge sollen sie ein Jahrhundert in Mesopotamien geherrscht haben oder besser: in einem Teil des mittleren Zweistromlandes. Der Sieg dieser als »barbarisch« betrachteten Bergbewohner erschien späteren Generationen als unfassbar. Sie wurden als Wesen dargestellt, die Körper von Höhlenvögeln hatten und Gesichter wie Raben; ihre Sprache glich nach Meinung der Kulturlandbewohner nicht der von Menschen, sondern klang eher wie das Bellen von Hunden. Naramsin soll sich bei einer Begegnung mit feindlichen Gutäern sogar durch den Lanzenstich in den Körper eines Gefangenen davon überzeugt haben, dass es sich bei den Gegnern nicht um Dämonen, sondern um Wesen mit menschlichem Blut handelte. Dennoch war es gerade dieser siegreiche König, der dann als Unglücksherrscher in die Überlieferung einging, da er durch kultisches Fehlverhalten den Zorn der Götter erregt und damit das Vordringen der Gutäer in das Land an Euphrat und Tigris ermöglicht habe.
 
Es zeigte sich jedenfalls, dass das Reich von Akkad die inneren politischen Gegensätze nicht hatte aufheben können. Die Gutäer konnten dies zweifellos ebenso nutzen wie die Stadt Uruk, die während der Regierung der letzten Könige von Akkad für mehrere Jahrzehnte die Unabhängigkeit erlangte. Gutäische Fürsten etablierten sich in verschiedenen Städten des Reiches, und im nördlichen Mesopotamien hatten sich zudem andere Zuwanderer niedergelassen, die Hurriter. Durch ihre Sprache, die mit der späterer transkaukasischer Bevölkerungen verwandt war, aber auch durch ihre Kultur und Religion unterschieden sie sich von jenen Völkern, die bislang im Zweistromland gesiedelt hatten. Sie wurden im 2. Jahrtausend v. Chr. dann zu einem wichtigen politischen und kulturellen Faktor der vorderasiatischen Geschichte.
 
Das Reich der III. Dynastie von Ur
 
Es wird vom Fürsten Utuchengal von Uruk (2116—2110) berichtet, dass es ihm gelungen sei, die Gutäer zu vertreiben und ihren König Tiriqan gefangen zu nehmen. Vielleicht wurde ihm dieser Erfolg dadurch erleichtert, dass der in Susa residierende König Puzur-Inschuschinak von Elam damals selbst siegreich im gutäischen Bergland kämpfte. Utuchengal konnte seinem Herrschaftsgebiet für kurze Zeit sogar Ur hinzufügen — jene Stadt, von der unter König Urnammu (2111—2094), wohl einem Bruder des Utuchengal, der erneute Zusammenschluss Mesopotamiens unter der III. Dynastie von Ur (2111—2003) ausging. Zu ihrem Beginn existierte im benachbarten Staat Lagasch eine Dynastie, deren bekanntester Vertreter Gudea gewesen war. Von diesem Fürsten, der sich in zahlreichen Bildwerken darstellen ließ, sind viele Hinweise auf eine umfangreiche Bautätigkeit sowie auf ausgedehnte Handelsbeziehungen erhalten. Von seiner Residenzstadt Girsu (heute Tello) aus hatte er sogar die Kontrolle über den Seehandel im Persischen Golf. Sie ging später auf den gegen Lagasch erfolgreichen Urnammu über, der zudem versuchte, durch ein umfangreiches Wirtschaftsprogramm den agrarischen Nutzungsraum zu erweitern, vor allem durch den Ausbau des Kanalnetzes. Von seiner Bautätigkeit zeugt heute noch auf eindrucksvolle Weise die Ruine des Tempelturmes (Zikkurat), der zum Heiligtum des Mondgottes Nanna in Ur gehörte. Schulgi (2093—2046), Sohn des Urnammu, hat während seiner langen Regierung das Reich weiter ausgebaut. Eine Sammlung von Rechtssprüchen bezeugt zudem sein Bemühen, soziale Spannungen abzuschwächen, und zahlreiche Wirtschaftsurkunden lassen erkennen, dass er auch die wirtschaftliche Stabilität seines Reiches förderte. Vor allem aber ordnete er die Verwaltung neu. Erstmals wird jetzt ein zentralisierter »bürokratischer« Staat aufgrund Tausender von Textzeugnissen deutlicher sichtbar. Die Provinzen wurden neu eingerichtet und von Gouverneuren, die den alten Stadtfürstentitel eines Ensi trugen, verwaltet. Neben ihnen agierten Militärkommandanten, die sich im Dienste des Königs bereits besonders ausgezeichnet hatten. Die Gouverneure waren zugleich für die Tempelwirtschaften ihrer Provinz zuständig sowie für die Zuweisung von Kronland gegen Dienstleistungen. Schulgi hat den Titel eines »Gottes des Landes« angenommen, wobei er — anders als die Könige von Akkad — diesen Anspruch noch dadurch erweiterte, dass er verwandtschaftliche Beziehungen zu den wichtigsten Lokalgottheiten vorgab; auch auf diese Weise sollte der Zusammenhalt seines Reiches gestärkt werden.
 
Was die militärische Expansion angeht, so ist vor allem eine starke Orientierung auf die Gebiete östlich des Tigris auffällig. Einmal ging es darum, eine erneute Gefährdung der Stromoase durch Bergvölker auszuschließen. Zum anderen war der florierende Seehandel im Persischen Golf, in dem jetzt Tilmun eine maßgebliche Rolle spielte, von besonderer Bedeutung im Hinblick auf den Import von Rohstoffen und Luxusgütern, dies umso mehr, als im Westen die Handelsrouten zunehmend von amurritischen Gruppen kontrolliert wurden, die weiter an das babylonische Bewässerungsland heranrückten. Konnte Amarsin (2045—2037) noch ein prosperierendes Königreich regieren, zeigten sich unter seinem Bruder Schusin (2036—2028) bereits Anzeichen einer Gefahr: Er versuchte durch den Bau einer wohl 280 km langen Mauer zwischen Euphrat, Tigris und Dijala zu verhindern, dass halbnomadische Gruppen weiter nach Südmesopotamien vordringen konnten. Dieser Mauerbau war allerdings auf die Dauer ebenso wenig wirksam wie diejenigen, die ihm in späteren Jahrhunderten hier und in anderen Ländern folgten. Denn bereits die zahlreichen Keilschrifttexte aus der Zeit der III. Dynastie von Ur lassen erkennen, dass in ihnen immer mehr Personen mit westsemitischen (amurritischen) Namen auftreten. Zur Zeit des Königs Ibbisin (2027—2003) kam es zum Zusammenbruch des Reiches, nachdem ertragreiche Provinzen, unter ihnen Umma und Lagasch, schon vorher verloren gegangen waren. Oft waren es die Gouverneure, die nach Selbstständigkeit strebten und nun die Gelegenheit ergriffen, um dem König von Ur den Gehorsam aufzukündigen. Ein ehemaliger Beamter des Ibbisin in Mari am mittleren Euphrat, Ischbierra, nutzte die Auseinandersetzung des Königs mit Elam, um sich in Isin eine Machtposition zu verschaffen und sogar die ehrwürdige Kultstadt Nippur unter seine Kontrolle zu bringen. Als die Elamer dann Ibbisin besiegen, seine Residenzstadt Ur plündern und ihn als Gefangenen in das elamische Bergland Anschan wegführen konnten, war das auch das Ende des Reiches von Ur. In der späteren Literatur hat dieses Ereignis in einem Lied über die Zerstörung von Ur seine Widerspiegelung gefunden, mit offenbar rhythmischen Wiederholungen der Wehklage.
 
Die frühe altbabylonische Periode (Isin-Larsa-Zeit)
 
Nach dem Aufstieg und dem Zusammenbruch der Reiche von Akkad und Ur brachte die Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend wesentliche Veränderungen, die die mesopotamische Geschichte für Jahrhunderte prägten — zunächst und vor allem während der altbabylonischen Zeit (2003—1594). Mit den amurritischen Zuwanderern, die sich schnell an die Kultur der älteren Bewohner anglichen, kamen erneut semitischsprachige Gruppen ins Land. Sie sind in den schriftlichen Quellen schon aus dem 3. Jahrtausend für den Nordrand der syrischen Wüstensteppe bezeugt; zunehmend drangen sie dann — unter den wirtschaftlichen Zwängen einer Trockenperiode oder infolge einer wachsenden Bevölkerungszahl — in die angrenzenden Zonen des Ackerbaus ein. Sie behielten dabei zunächst oft noch eine halbnomadische Lebensweise bei und verbrachten einen Teil des Jahres mit ihren Herden in den Steppenweiden. Ihre Sprache, die zu denen des nordwestsemitischen Raums gehörte, war der akkadischen Sprache Mesopotamiens verwandt; zudem verbanden sie auch religiöse Traditionen mit den Bewohnern des Kulturlandes. So zeigt sich auch in der literarischen Überlieferung des Zweistromlandes keine grundsätzliche Ablehnung dieser neuen Zuwanderer, wie sie gegenüber den gutäischen Bergbewohnern formuliert wird. Wenn dennoch in der sumerischsprachigen Schultradition in einem Text, der die Hochzeit eines Nomadengottes mit der Tochter eines sesshaften Stadtgottes zum Gegenstand hat, der Bräutigam als jemand charakterisiert wird, der weder Häuser noch Getreide kenne und der richtigen Weise der Gottesverehrung nicht kundig sei, so kam diese Bewertung einesteils aus dem Munde einer »guten Freundin« der Braut, andererseits entsprach sie auch nicht der Wahrheit. Der Halbnomade lebte zwar anders als der voll sesshafte Ackerbauer, kannte sich in der seiner Umwelt entsprechenden Erzeugung des Lebensunterhalts aus, war aber stets in Kontakt zu denen, die Ackerbau betrieben.
 
Auch wenn durch die verstärkte Zuwanderung amurritischer Gruppen die Aufgabe des Sumerischen als Umgangssprache im zentralen und südlichen Mesopotamien vielleicht beschleunigt wurde, so werden doch gerade jetzt in den Schreiberschulen sumerische Überlieferungen aufgezeichnet oder fortgeführt. Alte Kulte wurden weiter gepflegt, und in der Wirtschaft wurde an die alten, oft von umweltbedingten Notwendigkeiten geprägten Organisationsformen angeschlossen. Gegenüber dem Zentralismus der III. Dynastie von Ur folgte jetzt jedoch eine stärkere Aufgliederung in einzelne politische Bereiche, und selbst die »großen Institutionen« Tempel und Palast wurden nun in kleinere Einheiten aufgeteilt. Mehr als zuvor bildeten nun die Familienwirtschaften die Grundlage des Nahrungserwerbs.
 
Auch in der mesopotamischen Gesellschaft kam es zu Wandlungen, die vielleicht mit dem Begriff »Individualisierung« umschrieben werden können, also einer stärkeren Eigenverantwortung des Einzelnen bzw. der häuslichen Wirtschaften. Es entstand dabei eine Art von »bürgerlichem« Selbstbewusstsein, das sich auch gegenüber den Göttern artikulierte. Für die kultische Verehrung, das heißt die Versorgung der Götter mit Speise und Trank sowie Bekleidung, wurde in teilweise fast forderndem Ton göttliches Wohlwollen angemahnt, und Siegelbilder zeigen den Adoranten, den in verehrender Haltung dargestellten Siegelinhaber, nun immer häufiger nicht mehr an der Hand eines persönlichen Schutzgottes vor der verehrten Gottheit (»Einführungsszene«), sondern ohne Vermittler direkt vor dieser stehend — etwa so, wie sich in der Renaissance selbstbewusste Bürger in den Vordergrund rückten. Dabei wurden sumerische Götter unter semitischen Namen weiter verehrt: Aus dem Sonnengott Utu wurde nun Schamasch, aus der Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Inanna wurde Ischtar, aus dem Mondgott Nanna wurde Sin. Aber es rückten dann auch neue Gottheiten auf, wie etwa Marduk, der Stadtgott von Babylon, oder Assur, der Gott der gleichnamigen Stadt am Tigris. Vor allem mit dem politischen Machtzuwachs ihrer Hauptkultorte gewannen sie in den nachfolgenden Jahrhunderten immer größeres Ansehen.
 
Zwei der amurritischen Dynastien, die der altbabylonischen Zeit ihr politisches Gepräge gaben, entstanden bereits während der letzten Jahre der III. Dynastie von Ur: die von Isin und Larsa. In Isin hatte sich Ischbierra (2017—1985) etabliert, der sich, älteren Vorbildern entsprechend, sogar als »Gott seines Landes« verehren ließ. Er vermochte die Elamer aus Ur zu vertreiben und die Statue des Gottes Nanna aus ihrem elamischen Exil wieder in ihre angestammte Kultstadt im Triumph zurückzubringen. Nur einen Teil Südmesopotamiens konnte er jedoch seiner Macht unterwerfen. Unter seinen Nachfolgern ist vor allem Lipitischtar (1934—1924) zu erwähnen, dessen Gesetzessammlung erkennen lässt, dass es Anlass gab, die »Freiheit« für bestimmte Kultorte und ganz »Sumer und Akkad« (das heißt Süd- und Mittelmesopotamien) wiederherzustellen. Das bedeutete vor allem eine Reduzierung der öffentlichen Dienstleistungspflicht, die den einzelnen Familienwirtschaften offenbar Probleme gebracht hatte. Die von dem Amurriter Naplanum (2025—2005) weiter südlich in Larsa gegründete Dynastie stand zunächst politisch im Schatten des mächtigeren Isin, bis Fürst Gungunum (1932—1906) unabhängig wurde und durch eine Reihe erfolgreicher Feldzüge, die über Ur bis nach Elam führten, den Süden Babyloniens eroberte. Dennoch war damit die Rivalität von Isin und Larsa noch nicht eindeutig entschieden. Erst als ein gewisser Kudurmabuk, Anführer eines amurritischen Stammes, sich der Stadt Larsa bemächtigte und hier seinen Sohn Waradsin (1834—1824) zum Fürsten machte, errang Larsa die bedeutendere Position. Als Waradsin starb, setzte der offenbar immer noch mit seinem Stamm umherziehende Kudurmabuk einen anderen Sohn, Rimsin (1823—1763), als König ein. Diesem gelang die Eroberung des alten Rivalen Isin, und stolz benannte er 31 aufeinander folgende Jahre seiner langen Regierung nach diesem Ereignis. Aber seine Erfolge machten ihn später auch zum wichtigsten Gegner des Königs Hammurapi von Babylon, als dieser daranging, Mesopotamien seiner Herrschaft zu unterwerfen.
 
Obermesopotamien unter Schamschi-Adad I.
 
Während der zwei Jahrhunderte, in denen die Dynastien von Isin und Larsa um die Vormacht in Mesopotamien stritten, gab es noch weitere, zuweilen recht kurzlebige Dynastien im Land an Euphrat und Tigris. Im Gebiet des Flusses Dijala entstand der Staat von Eschnunna, im südlichen Uruk regierte zeitweilig eine eigene Dynastie, am mittleren Euphrat hatte Mari erneut Bedeutung erlangen können. Die Fürsten dieser Länder trugen amurritische Namen, was auf einen wohl beträchtlichen Anteil der zugewanderten Bevölkerung an diesen neuen politischen Strukturen hinweisen dürfte. Zwei Staaten wurden für einige Zeit besonders wichtig: Assur bzw. Schubat-Enlil im Norden und Babylon im Süden.
 
Was den Norden Mesopotamiens betrifft, so hat dort nach dem Rückgang der Besiedlung im späten 3. Jahrtausend, der vielleicht durch das zeitweilig trockenere Klima mitverursacht wurde, im frühen 2. Jahrtausend erneut eine Urbanisierung eingesetzt. Sie wurde durch die weiten, aber regenabhängigen Ackerflächen Obermesopotamiens begünstigt, wobei die angrenzenden steppenartigen Bereiche für eine wenigstens jahreszeitliche Nutzung durch halbnomadische Viehzüchter geeignet waren. Halbnomadische Traditionen haben hier daher eine größere Rolle gespielt als im trockenen, nur durch künstliche Feldbewässerung blühenden Süden. Im Norden hatte die Stadt Assur am Tigris, wohl vor allem wegen ihrer Lage im Grenzbereich zwischen Kulturland und Steppe sowie an wichtigen Handelsrouten, besondere Bedeutung erlangt. Hier hatte sich schon im 3. Jahrtausend ein Fürstentum entwickelt, das zunächst unter der Kontrolle der Könige von Akkad, dann unter der der Herrscher von Ur stand. Danach nutzte der Stadtstaat Assur seine Position, um vor allem als Handelsstadt hervorzutreten: Hier trafen auch Handelswege auf das Zweistromland, die über die Zagrosberge von weit her — vielleicht aus Mittelasien — Zinn an den Tigris brachten, das zur Herstellung von Bronze benötigt wurde. Zinn war auch im anatolischen Kleinasien, das zwar über Kupfer, nicht aber Zinn verfügte, sehr begehrt. Es waren Kaufleute aus Assur, die es damals wagten, durch Steppen und Gebirge bis in das mehr als 1000 km entfernte südliche Anatolien zu ziehen. Ihre Eselkarawanen beförderten außer Zinn auch bestimmte, genau nach Anforderung gearbeitete Textilien. Diese wurden nicht nur in Assur selbst hergestellt, sondern auch in anderen Orten Mesopotamiens; Assur entwickelte sich zu einer Drehscheibe im Handel mit dem an Rohstoffen reichen Anatolien. Dort gewann vor allem eine Handelsniederlassung in Kanisch, dem heutigen türkischen Kültepe (bei Kayseri), an Bedeutung. Sie war angelegt zu Füßen der Burg des lokalen Fürsten, der als Schutzherr der Händler fungierte und zugleich von deren Tätigkeit profitierte, sowohl durch bevorzugte Warenlieferung als auch durch Abgaben. Von Kanisch aus wurde die Ware über andere Niederlassungen in Kleinasien weiter verteilt und dafür vor allem Silber, aber auch Gold eingehandelt. Zur Zeit dieser altassyrischen Handelsniederlassungen des 19./18. Jahrhunderts war der Stadtstaat Assur politisch jedoch noch nicht hervorgetreten. Er wurde regiert von lokalen Fürsten, deren Namen durch ihre Bau- und Weihinschriften bekannt sind und unter denen sich dann, nach dem Fall des Reiches von Ur, auch amurritische Herrscher befanden. Einer von ihnen, Iluschuma (um 1920 v. Chr.), will seinem eigenen Bericht zufolge sogar bis nach Babylonien gezogen sein, wobei dahingestellt bleiben muss, ob seine Aufzählung südmesopotamischer Orte, deren »Freiheit« hergestellt worden sein soll, tatsächlich auf einen Feldzug deutet oder eher nur auf Handelsverbindungen. Ein größerer Staat, der auch Assur einbezog, entstand in Obermesopotamien erst durch Schamschi-Adad I. (etwa 1808—1776; Datierung neuerdings auch 1830—1776).
 
Schamschi-Adad entstammte einem halbnomadischen amurritischen Milieu. Es gelang ihm, den Stadtstaat Assur am Tigris einzunehmen, und die assyrische Königsliste führt ihn — und gleich auch eine lange Reihe seiner Vorfahren — dementsprechend als einen König von Assyrien. Auch wenn er sich um die Kultstätten in Assur bemühte und für deren Instandsetzung sorgte, so hatte er seine Residenz jedoch in Schechna (heute Tell Leilan) im Khaburgebiet, das er in Schubat-Enlil, das heißt »Wohnsitz des Gottes Enlil«, umbenannte. So war er, der sich in seinen Inschriften auch nie König des Landes Assur nannte und von der späteren assyrischen Tradition sogar als jemand bezeichnet wurde, der nicht »Fleisch vom Fleische Assurs« gewesen sei, eigentlich weniger ein assyrischer als vielmehr ein obermesopotamischer Herrscher. Vom Kerngebiet seines Königtums im Quellbereich des Euphratnebenflusses Khabur (Habur) dehnte er sein Herrschaftsgebiet bis Mittelmesopotamien und Nordsyrien aus. Eine besonders wichtige Eroberung war die von Mari (heute Tell Hariri), einer bereits traditionsreichen Stadt am Euphrat, die über eine ausgebaute Bewässerungslandwirtschaft wie auch über die Kontrolle wichtiger Handelsrouten verfügte. Schamschi-Adad setzte in Mari seinen Sohn Jasmach-Adad als Fürsten ein, während ein anderer Sohn, Ischme-Dagan, in Ekallatum am Tigris seine Residenz hatte. Unter politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten verheiratete er seinen Sohn Jasmach-Adad mit der Tochter des Königs von Katna (heute El-Mischrife bei Homs) in Mittelsyrien. Katna lag am wichtigen Handelsweg, der durch die syrische Wüstensteppe über Tadmur (Palmyra) zur Mittelmeerküste oder über Palästina nach Ägypten führte. Jasmach-Adad selbst allerdings scheint an der ihm zugewiesenen Gemahlin keinen besonderen Gefallen gefunden zu haben. Sein Vater muss ihn in einem seiner zahlreichen Briefe dafür rügen, dass er, obwohl er doch die Bedeutung des Königs von Katna kennen müsse, dessen Tochter nicht im »Palast der Palmen« in Mari wohnen lasse. Stolz konnte sich Schamschi-Adad jedenfalls den Titel eines »Herrschers der Gesamtheit« zulegen und damit an alte Traditionen des mesopotamischen Südens anschließen. Man darf annehmen, dass Schamschi-Adads Einfluss sogar bis nach Babylonien reichte, wo der damals noch junge König Hammurapi in seinen Anfangsjahren zeitweilig wohl unter der Oberhoheit des mächtigen obermesopotamischen Herrschers gestanden hat. Was das nördliche Syrien betrifft, so hatte Schamschi-Adad Auseinandersetzungen mit dem dortigen Herrscher von Jamchad, der in Halab/Aleppo residierte. War das auch der Grund, weshalb er auf das Bündnis mit dem mittelsyrischen Katna so großen Wert legte? Auf seinem Feldzug zur Küste des Mittelmeers, der nach seinem eigenen Zeugnis der Beschaffung von Bauholz für Tempel in Assur dienen sollte, könnte er den Khabur abwärts und dann über Katna marschiert sein. Diese Unternehmung, bei der schließlich seine Truppen in einer kultischen Zeremonie ihre Waffen im Mittelmeer reinigen konnten, ist später auch von Königen Assyriens als vorbildhaft betrachtet worden.
 
Vieles, was sich in seinen Inschriften und Briefen erhalten hat, bezeugt Schamschi-Adad I. als eine kraftvolle Persönlichkeit, die sich auch um Detailfragen kümmerte. Archive seiner Residenzstadt Schubat-Enlil sind kürzlich in Tell Leilan gefunden worden, und man kann erwarten, dass bald ausführlichere Informationen aus der Hauptstadt selbst zur Verfügung stehen. Zumindest sein Sohn Jasmach-Adad scheint jedoch nicht ganz nach seinem Vater geraten zu sein. Es sind viele Briefe erhalten, die Schamschi-Adad mahnend und Rat gebend nach Mari schickte, das ihm vor allem wegen seiner Lage und seiner politischen Rolle zwischen dem nordsyrischen starken Halab/Aleppo und dem aufstrebenden Babylon wichtig erschien. Als Schamschi-Adad nach längerer Regierung starb, änderte sich die politische Situation grundlegend: Während sein Nachfolger Ischme-Dagan versuchte, die Macht der Dynastie im Kernland selbst aufrechtzuerhalten, wurde Jasmach-Adad aus Mari vertrieben. Der nordsyrische Staat Jamchad mit der Hauptstadt Halab dagegen konnte sein Gebiet weiter nach Osten, das heißt nach Obermesopotamien hin, ausdehnen. Im Süden nutzte Hammurapi die Chance, sein noch recht begrenztes Herrschaftsgebiet auszuweiten.
 
Mari unter König Zimrilim
 
Der Tod Schamschi-Adads hat zweifellos die Machtübernahme Zimrilims in Mari begünstigt, der aus dem seinerzeit von Schamschi-Adad aus Mari vertriebenen Fürstenhaus stammte und in Halab Zuflucht gefunden hatte. Die Rolle, die der starke König Jarimlim von Jamchad bei der Thronbesteigung Zimrilims in Mari spielte, lässt sich heute noch nicht klar genug erkennen; es fehlen schließlich immer noch die Palastarchive, die vielleicht unter der modernen Stadt Aleppo begraben liegen. Doch die umfangreiche keilschriftliche Überlieferung aus Mari selbst, die zur Zeit des Jasmach-Adad auch viele Informationen über das Reich Schamschi-Adads geliefert hatte, bietet für die Zeit Zimrilims auch zahlreiche Hinweise auf das nordsyrische Jamchad. Dabei ist deutlich geworden, dass die Residenzstadt Halab/Aleppo nicht nur ein bedeutendes Zentrum politischer Macht darstellte, sondern auch Mittelpunkt des Kultes des weithin verehrten nordsyrischen Wettergottes Adda/Adad war. Die dankbare Zueignung seines Bildnisses an diesen Gott, die Zimrilim einem Jahresnamen zufolge bald nach seiner Herrschaftsübernahme vornahm, lässt jedenfalls darauf schließen, dass Halabs König bei der Installierung Zimrilims auf dem »Thron seiner Väter« mitgewirkt hatte. Und Zimrilim wurde offenbar schon in Halab mit der Tochter des Fürsten Jarimlim I. verheiratet, über deren Ankunft und Aufenthalt in Mari Berichte vorliegen. Die Rolle des Stadtgottes von Halab hat der Fürst von Jamchad offenbar dann auch genutzt, um Zimrilim von Mari mittels der »Propheten« (wörtlich: »Antworter«) dieses Gottes politische Ratschläge erteilen zu lassen.
 
Die Palastarchive von Mari zeigen Zimrilim als einen um wirtschaftliche Fragen besorgten und politisch aktiven König, wobei vor allem das Verhältnis zu benachbarten halbnomadischen Gruppen sowie Fragen der Feldbewässerung am Euphrat eine Rolle spielten. Die Chefs der jeweiligen Bewässerungsbezirke waren dem Herrscher persönlich für das Funktionieren der Bewässerung und den Zustand der Haupt- und Seitenkanäle sowie der Schleusen verantwortlich. Der Brief eines solchen Beamten an den König vermittelt nicht nur einen Einblick in die Bewässerungstechnik, die auch das Aufstauen von Kanälen für den Schiffsverkehr der Erntezeit einschloss. Der Text macht auch das Bemühen deutlich, die Verantwortung für einen nächtlichen Dammbruch einerseits durch Berufung auf Krankheit, andererseits durch einen trotz schlechter Gesundheit energischen Einsatz bei der Behebung des Schadens zu mindern. Auch sonst wird, so etwa in den Namen, die die einzelnen Regierungsjahre Zimrilims erhielten, deutlich, dass die Ableitung von Bewässerungskanälen vom Euphrat und unteren Khabur die Grundlage für eine ausgedehnte Landwirtschaft im Königreich Mari darstellten, ganz so, wie das auch aus dem zeitgleichen Babylonien bekannt ist.
 
Der Aufstieg der Dynastie von Babylon
 
Als Zimrilim in Mari auf dem Thron saß, regierte in Babylon bereits Hammurapi, der bedeutendste Vertreter einer Dynastie, deren Anfänge sehr bescheiden gewesen waren. Nach dem Fall von Ur hatte ein gewisser Sumuabum (1894—1881) in Babylon ein Fürstentum begründet und von hier aus die weitere Umgebung unterworfen. Sein Nachfolger Sumulael (1880—1845) kämpfte gegen Kisch, und Sabium (1844—1831) rühmte sich schließlich eines Sieges über ein Heer aus Larsa. Von Apilsin (1830—1813) ist vor allem bekannt, dass er eine Reihe von Ortschaften seines Gebiets befestigte, und Sin-mubalit (1812—1793) meldet in seinen Jahresnamen Siege über Truppen aus Ur und Isin, während er gegen Larsa offenbar eine Niederlage erlitt. So war das Gebiet, das Hammurapi bei seinem Regierungsantritt übernahm, territorial noch wenig bedeutend, lag jedoch in einem fruchtbaren und strategisch wichtigen Bereich Mesopotamiens.
 
Hammurapi, der von 1792 bis 1750 — nach der Kurzchronologie von 1728 bis 1686 — in Babylon regierte, gehört nicht nur zu den großen Herrschergestalten des Alten Orients, sondern ist auch, nicht zuletzt dank der Archive von Mari, als Persönlichkeit und in seinem Wirken besser bekannt als die meisten seiner Nachfolger. Ihm gelang es, fast ganz Mesopotamien seiner Macht zu unterwerfen. Seine militärischen Erfolge allein hätten ihm jedoch diesen Ruf, den er schon bei seinen Zeitgenossen gewann, nicht eingebracht. Zahlreiche Schreiben, von ihm selbst gesandt oder an ihn gerichtet, bezeugen ihn als einen umsichtigen und engagierten König, der sich um zahlreiche wirtschaftliche Fragen und soziale Probleme persönlich kümmerte und seine Beamten streng kontrollierte. Vor allem aber hat er durch die Gesetzessammlung Ruhm erlangt, die auf einer Stele und in verschiedenen kleineren Textfragmenten überliefert und als »Codex Hammurapi« in die Geschichte eingegangen ist. Sie zeigt den König in ehrfurchtsvoller Haltung vor dem Sonnengott Schamasch, der zugleich Hüter des Rechts war und mittels Stab und Ring die Insignien der Herrschaft verleihen konnte. In seinen einleitenden Abschnitten nennt der Stelentext die wichtigsten Taten Hammurapis. Da der Text erst in den späten Regierungsjahren abgefasst wurde, wird damit zugleich eine Selbstdarstellung dieses Königs geboten, die Einblick in das Selbstverständnis seiner Herrschaft bietet. Inwieweit die »Paragraphen« seiner Rechtssammlung ein geltendes »Gesetz« darstellen, das durch Richter und andere Beamte umgesetzt werden sollte, oder aber nur geltende Regelungen zusammenstellen, ist noch umstritten. Es gehört jedenfalls zu den bedeutendsten Texten, die der Alte Orient uns hinterlassen hat.
 
Die Jahresnamen dieses Königs, in denen auf das wichtigste Ereignis des (jeweils vorherigen) Regierungsjahres verwiesen wird, der Prolog des »Codex« sowie die diplomatische Korrespondenz von Mari erlauben es, die wesentlichen politischen Ereignisse seiner Zeit zu skizzieren. Die Jahresnamen 1—9 melden nur unter dem 7. Jahr einen militärischen Erfolg, und zwar über Uruk und Isin. Unter dem 8. Jahr wird eine Unternehmung nach Jamutbal östlich des Tigris erwähnt, und vielleicht hatte der König auch hierfür eine Rückendeckung durch Schamschi-Adad I., denn eine Urkunde aus seinem 10. Jahr nennt einen Eid, der nicht nur bei Hammurapi, sondern auch bei jenem obermesopotamischen Herrscher geleistet wurde. Weitere Jahresnamen erwähnen Siege über Malgium am Tigris sowie Rapiqum am Euphrat, danach widmen sie sich internen Themen. Wahrscheinlich schien es im Hinblick auf den Tod des mächtigen Schamschi-Adad zunächst angebracht, mit den Rivalen Larsa und Eschnunna ein friedliches Verhältnis anzustreben. Als in Mari der von Halab unterstützte Zimrilim auf den Thron gelangte, nahm Hammurapi auch zu ihm enge Beziehungen auf, die sich in zahlreichen, in den Archiven des Palastes von Mari entdeckten Briefen widerspiegeln. Mari sowie, durch dieses vermittelt, auch Halab sandten Hammurapi Hilfstruppen, die er zur Verwirklichung seines wohl wichtigsten politischen Zieles benötigte, der Ausschaltung Rimsins von Larsa. In einem in Mari entdeckten Brief schildert ein Gesandter Maris in Babylon die Ankunft eines Hilfstruppenkontingents aus Mari. Es nahm in Babylon zunächst Quartier und wurde am folgenden Tag von Hammurapi persönlich durch ein Essen in seinem Palastgarten sowie durch die Erlaubnis geehrt, dass Elitetruppen mit ihren Standarten vor ihm paradieren durften. Zudem erhielten die Angehörigen des Kontingents je nach ihrem Rang Geschenke: Gold- und Silberschmuck oder farbige Hemden. Mithilfe dieser Truppen erreichte Hammurapi schließlich sein Ziel, das starke Larsa, das von 40000 Mann verteidigt worden sein soll, im 30.Jahr seiner Regierung einzunehmen und damit seine Macht etwa bis an den Persischen Golf auszudehnen. Der geschlagene Rimsin fiel in seine Hände und wurde nach Babylon gebracht. Unter denen, die Hammurapi zu diesem Erfolg gratulierten und Geschenke sandten, gehörte auch Zimrilim von Mari.
 
Hatte somit Hammurapi sein Reich im Süden bis zum Persischen Golf erweitert, so wandte er sich danach seinen anderen Gegnern zu. Er kämpfte zunächst im Dijalagebiet gegen das Fürstentum Eschnunna. Auch das dürfte von seinem Bundesgenossen Zimrilim begrüßt worden sein, der selbst von Eschnunna angegriffen worden war. Der Jahresname 33 vermerkt dann jedoch einen Sieg über Mari, und das Jahresdatum 35 notiert knapp: »Auf das Geheiß der Götter Anu und Enlil vernichtete er (das heißt Hammurapi) die Mauer von Mari und die Mauer von Malgium.« Schon zuvor hatten sich in den überlieferten Texten einige Spannungen artikuliert, und seien es nur Zurücksetzungen von Abgesandten des Königs von Mari. Mit der Eroberung der wichtigen Euphratstadt hatte sich nicht nur das weitere Schicksal Zimrilims entschieden, über das bislang nichts bekannt ist, sondern auch das seiner Stadt Mari: Sie wurde zerstört und blieb fortan unbewohnt, bis sie ab 1933 von französischen Archäologen ausgegraben wurde.
 
In seinen letzten Herrschaftsjahren richtete Hammurapi das Interesse vor allem auf Nordmesopotamien. Dabei bleibt unklar, inwieweit er auch das Gebiet um Assur seiner Herrschaft unterwerfen konnte, auch wenn im Prolog seiner Rechtssammlung die Namen von Assur und Ninive genannt werden. In diesem Text geizt der König auch nicht mit lobenden Ausdrücken für sein Lebenswerk und nennt sich »Füllespender, Träger von Überfluss, Beleber, Hirte der Menschen« und betont, dass er auch seinen Feinden gegenüber habe Gnade walten lassen. Darf das vielleicht auch für das Leben Rimsins und Zimrilims gelten?
 
Altbabylonisches Leben zur Zeit Hammurapis
 
Aus der altbabylonischen Zeit und dabei insbesondere auch aus den Regierungsjahren Hammurapis sind eine große Zahl von Rechtsurkunden erhalten geblieben, bei denen es etwa um Prozesse, Käufe, Darlehen, Pacht und Miete geht, außerdem viele Verwaltungstexte und Briefe. Sie wurden in verschiedenen Zentren des altbabylonischen Reiches ausgegraben und geben einen Eindruck davon, in welcher Weise das Königtum verwaltet wurde und wie es um die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bestellt war. In der Verwaltung spielten, wie das vor allem für Hammurapi bezeugt ist, die Könige eine aktive Rolle. Sie selbst verfügten über eine umfangreiche Palastwirtschaft, die über das ganze Reich verteilt war und sich nach der Eroberung von Larsa auch auf dessen Territorium ausdehnte. Der König stützte sich auf Beamte, denen er in seinen Briefen Anweisungen gab und die ihm regelmäßig Bericht erstatteten. Gerade Fragen der Zuweisung von Feldern und der damit verbundenen Dienstleistungen — etwa im Heer — spielten dabei eine Rolle, ebenso aber die Kontrolle des ausgedehnten Bewässerungssystems.
 
Einen beträchtlichen Teil der inschriftlichen Überlieferung stellen Privaturkunden dar, verfasst nach einem vorgegebenen Formular von hauptberuflichen Schreibern, die oft unter den Vertragszeugen mit ihren Namen erscheinen. Die Tafeln wurden meist gesiegelt, wobei es vor allem darauf ankam, dass die Abrollung des Siegels den Namen des Inhabers erkennen ließ; erschien nur das Siegelbild, etwa die Anbetung eines Gottes, auf der Tafel, setzte man den Namen des Eigners per Hand dazu. Rechtsurkunden nennen gewöhnlich eine Reihe von Zeugen, zum Teil mit ihren Berufen wie Richter oder Vorsteher der Kaufleute. Diese Texte, aber auch königliche Korrespondenz machen deutlich, dass es außer dem Königsland einen umfangreichen Landbesitz der Familien gab, sei es von alters her oder durch königliche Zuweisung. Die vom Palast ausgegebenen »Versorgungsfelder« umfassten mindestens 61/2 ha, was noch heute etwa dem Minimum für den Unterhalt einer Familie entspricht. Oft wurden die Felder an Pächter vergeben, entweder gegen einen Anteil am Feldertrag oder, zunehmend, gegen eine feste Summe Geld. Die einzelnen Gemeinden, denen die Besitzer oder Pächter von Feldern zugehörten, waren jeweils für die öffentlichen Arbeiten, vor allem an ihren Kanalabschnitten, verantwortlich und wurden dabei durch königliche Beamte kontrolliert. Denn eine zentrale Regelung der Bewässerungslandwirtschaft war wegen deren großer Ausdehnung notwendig. In die umfangreicher gewordenen Geschäfte des Palastes wurden jetzt auch private Unternehmer eingeschaltet, die etwa dem Palast eine Pauschale zahlten und dann diese — und ihren Gewinn — bei denen eintrieben, die zu Zahlungen an den Palast verpflichtet waren.
 
Neben der Landwirtschaft, die sich vor allem auf die Produktion von Getreide (insbesondere Gerste) konzentrierte, in der aber auch die Dattelpalmen eine besondere Rolle spielten, gab es ein spezialisiertes Handwerk sowie eine Beteiligung am überregionalen Handel, der sich zu dieser Zeit allmählich immer mehr auf den mediterranen Raum ausrichtete. Soziale Probleme drücken sich nicht nur in den Gesetzen aus, sondern auch in den Rechtsurkunden selbst: Verschuldung und danach Dienstleistung anstelle der Zinsen, ja auch der Verkauf nicht zahlungsfähiger Schuldner in die Sklaverei werden erwähnt. Der König war sich dieser Situation sehr wohl bewusst; da sie auch für die Wirtschaft und das Heer nachteilig war, wurde in Erlassen Schuldenfreiheit verkündet. Dennoch waren diese, selbst wenn sie in die Praxis umgesetzt wurden, nicht in der Lage, die Situation grundlegend zu verbessern. Wenn sich in der Literatur dieser Zeit allmählich ein Skeptizismus und ein Sichergeben in den unabänderlichen göttlichen Willen andeuten, so hat das gewiss auch in der sozialen Befindlichkeit der babylonischen Bevölkerung seine Ursache.
 
Babylonien unter den Nachfolgern Hammurapis
 
Die Nachfolger Hammurapis sahen sich bald auch politischen Problemen gegenüber: Hammurapis Sohn Samsuiluna (1749—1712) musste gegen das rebellierende Südmesopotamien kämpfen, und zu seiner Zeit gibt es in den Texten zum ersten Mal Hinweise auf die Kassiten, jenes wohl aus dem Osten zum Euphrat vordringende Volk, das später Erbe der Dynastie Hammurapis wurde. Samsuiluna hatte noch einige Erfolge aufzuweisen: Er besiegte Rebellen, zerstörte die Mauern von Ur, Uruk und Isin und warf Eschnunna erneut nieder. Aber es geschah auch während seiner Regierungszeit, dass sich am babylonischen Ufer des Persischen Golfs, im »Meerland«, ein gewisser Iliman (oder: Ilumailum) festsetzte und ein selbstständiges Fürstentum gründete. Samsuilunas Nachfolger Abieschuch (1711—1684) vermochte gegen dieses neue Fürstentum keinen dauerhaften Erfolg zu erringen. Am mittleren Euphrat, nördlich des einstigen Mari, etablierte sich eine Dynastie von Königen im Reich Hana, und etwa im gleichen Bereich ließen sich auch Gruppen der Kassiten nieder. Der Zerfall des Hammurapireiches konnte auch von den nachfolgenden Königen Ammiditana (1683—1647), Ammisaduqa (1646—1626) und Samsuditana (1625—1594) nicht aufgehalten werden, deren Jahresnamen nur noch Bauten und kultische Stiftungen verzeichnen, jedoch keine erfolgreichen militärischen Unternehmungen. Sie lassen außerdem erkennen, dass das Territorium, das von Babylon aus regiert wurde, nur noch klein war; seine Grenzen dürften kaum mehr als 100 km von der Residenzstadt entfernt gelegen haben.
 
Dennoch gibt es einen deutlichen Hinweis darauf, dass Babylon nach wie vor als Stadt mit einer bedeutenden historischen Tradition galt, wichtig genug, um den Namen seines siegreichen Eroberers in die Geschichte Vorderasiens einzuschreiben: Der Fall Babylons wurde nicht durch die Kassiten oder mesopotamische Rivalen herbeigeführt, sondern durch die Hethiter aus dem fernen Anatolien. Ein Heer des Königs Mursili I. zog über den Taurus nach Süden, erreichte den Euphrat und marschierte das Stromtal hinab bis nach Babylon, das eingenommen wurde; damit fand die amurritische Dynastie von Babylon, deren bedeutendster Vertreter Hammurapi war, ein Ende. Erst 1000 Jahre danach konnte Babylon, dessen Bedeutung als kultureller Mittelpunkt bestehen blieb, wieder zum Zentrum eines großen, ganz Mesopotamien umfassenden Reiches werden.
 
Das ältere Reich der Hethiter in Kleinasien
 
Die Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend hatte nicht nur Mesopotamien und Syrien, sondern auch Kleinasien Veränderungen gebracht, die das weitere Schicksal des Landes für Jahrhunderte bestimmten. Die Texte aus den Archiven altassyrischer Händler, die sich an verschiedenen Fürstensitzen Anatoliens aufhielten, weisen erstmals auf die Anwesenheit indoeuropäischer Gruppen hin. Wann und woher diese in ihre späteren Siedlungsplätze eingerückt waren, ist noch unklar. Wahrscheinlich kamen sie, nachdem sie sich von anderen indoeuropäischen Stämmen getrennt hatten, aus dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres nach Kleinasien, und dafür waren nur zwei Wege möglich: über den Balkan oder das Kaukasusgebiet. Ihre indoeuropäische Sprache weist eine Entwicklungsstufe auf, die annehmen lässt, dass sich diese Gruppen schon vor längerer Zeit von ihrem Ursprungsbereich getrennt hatten. Über ihren Weg können jedoch nur Vermutungen angestellt werden, auch wenn Bestattungsformen gewisse Ähnlichkeiten mit denen des nordkaukasischen Maikop erkennen lassen. Die Zuwanderer, die sprachlich in Hethiter (»Leute von Hatti«), Palaer und Luwier unterteilt werden können, trafen in Kleinasien auf eine Reihe von kleineren Fürstentümern, die durch die Nutzung lokaler Rohstoffe — vor allem Silber (im Taurus), Kupfer (im pontischen Bereich) sowie vielleicht auch Gold (wohl aus dem Raum nahe der Ägäis) — zu einigem Wohlstand gelangt waren. Prächtig ausgestattete Fürstengräber, wie sie etwa in Alaca Hüyük und Horoztepe gefunden wurden, sind das bislang deutlichste Zeugnis dieser Periode, das heißt der ausgehenden Frühen Bronzezeit. Es war vor allem das Silber, das dann das wirtschaftliche Interesse Mesopotamiens auf Anatolien lenkte und damit auch die ersten sprachlichen Indizien für die Präsenz von Indoeuropäern in die schriftliche Überlieferung brachte. Wir wissen heute, dass diese indoeuropäischen Gruppen mit dazu beitrugen, dass aus den Kämpfen rivalisierender anatolischer Fürsten im 17. Jahrhundert v. Chr. das Hethiterreich entstand.
 
Die Hethiter selbst haben sich als Bewohner des Landes Hatti bezeichnet, ihre Sprache aber als Nesisch, das heißt nach einer Stadt, die in den altassyrischen Texten als Kanisch bezeichnet wird und dann von den Hethitern Nescha genannt wurde. Neben ihnen gab es noch andere indoeuropäische Bewohner Anatoliens, die als Luwier und Palaer bezeichnet werden und deren Sprache in kultischen Texten erscheint. Die wesentliche hethitische Überlieferung ist in Nesisch verfasst, und sie stammt vor allem aus den Archiven der Hauptstadt Hattusa, deren Ruinen beim heutigen türkischen Dorf Boğazkale (früher Boğazköy) rund 200 km östlich von Ankara liegen. Viele dieser Keilschrifttexte sind Abschriften älterer Überlieferungen. Unter letzteren befindet sich eine Inschrift, deren ursprüngliche, nicht bekannte Fassung oft als das bislang älteste indoeuropäische Sprachdenkmal bezeichnet wird — unter der Voraussetzung, dass sie überhaupt in Hethitisch geschrieben war. Es handelt sich um einen Bericht des Fürsten Anitta von Nescha/Kanisch, der im 18. Jahrhundert v. Chr. regierte. Erzählt wird von erfolgreichen Feldzügen, die zu der Zeit stattfanden, als in Anatolien noch Niederlassungen der altassyrischen Händler bestanden. In diesem Zusammenhang wurde auch Hattusa angegriffen, belagert und schließlich eingenommen; Anitta säte Unkraut in der zerstörten Stadt aus und verfluchte den, der sie wieder besiedeln würde. Ein Jahrhundert später wurde Hattusa jedoch wieder Residenz. Der König, der um 1650 aus Kussara nach Hattusa übersiedelte und dort auf dem Burgberg seine Residenz baute, nannte sich fortan Hattusili, das heißt »der von Hattusa«.
 
Es ist dieser Herrscher, Hattusili I., der am Beginn eines hethitischen Reiches steht. Mit ihm setzte auch eine in Keilschrifthethitisch verfasste Tradition ein, die es möglich macht, den Verlauf der hethitischen Geschichte bis zum Ende des Reiches im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. darzustellen. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine Fortführung der Schrift, die die altassyrischen Händler verwendet hatten und deren sich auch die altanatolischen Fürsten gelegentlich bedienten. Vielmehr war es eine Abwandlung jener aus dem Altbabylonischen stammenden Variante, wie sie zu dieser Zeit im nördlichen Syrien gebräuchlich war. Von dort wurde sie nach Anatolien übernommen und zur Aufzeichnung eigener Überlieferungen verwendet. Auch die babylonisch-assyrische (akkadische) Sprache und manche der in ihr überlieferten literarischen und kultischen Traditionen gelangten mit dieser Schrift nach Kleinasien. In Hattusa und wohl auch in anderen hethitischen Zentren wurden fortan nicht nur Texte in hethitischer, sondern auch in babylonisch-assyrischer und der Sprache der in Obermesopotamien ansässig gewordenen Hurriter aufgezeichnet. Wesentlich für diese Rezeption der Keilschrift für das Hethitische waren die Notwendigkeiten einer Staatsverwaltung sowie einer Selbstdarstellung der Herrscher für die Nachwelt, letztere oft propagandistisch oder auch didaktisch angelegt. Die Übernahme der Keilschrift nach Anatolien war letztlich Ergebnis eines Kontakts, der zur Zeit Hattusilis durch eine Reihe von Feldzügen über den Taurus zustande kam.
 
Das hethitische Alte Reich, als dessen Gründer Hattusili I. betrachtet werden kann, vermochte sein Territorium zeitweilig über die Gebirgszüge des Taurus bis nach Syrien und Obermesopotamien auszudehnen. Zweisprachig, hethitisch und akkadisch, überlieferte »Annalen« dieses Königs, der bald den Titel eines Großkönigs annahm und sich als Liebling des Wettergottes bezeichnete, berichten davon, dass es ihm gelang, durch seine Eroberungen gleichrangig mit den Herrschern zu werden, die in Babylonien und in Halab/Aleppo regierten. Nicht zuletzt deshalb betonte Hattusili in seinen »Annalen«, dass er mit der Überschreitung des Euphrat eine ähnliche Tat vollbracht habe wie Sargon von Akkad, dem auch mesopotamische Eroberer nacheiferten. Zudem lockte, und das wurde in den Berichten nicht verschwiegen, in den Städten des nördlichen Syrien reiche Beute. Waren es in Anatolien selbst vor allem Vieh und Arbeitskräfte, die nach einem erfolgreichen Feldzug nach Hattusa gebracht wurden, so lockten in Syrien außerdem Gold und Silber sowie der Gewinn von Prestige, dessen Wirkung auch in der altorientalischen Geschichte nicht unterschätzt werden darf. Das mächtige und reiche Halab selbst konnte nicht eingenommen werden, jedoch fiel den hethitischen Truppen in der etwas weiter nördlich davon gelegenen Stadt Hassuwa eine Statue des Wettergottes von Halab in die Hände. Sie wurde nach Hattusa transportiert, verziert und fortan, bis in die Großreichszeit, kultisch verehrt. Denn schließlich war es der Sturm- und Wettergott, der an der Spitze des hethitischen Götterhimmels stand und Hattusili den Auftrag gegeben haben soll, den Taurus zu überschreiten. Als Hattusili im Sterben lag, adoptierte er seinen Enkel (?) Mursili und machte ihn zum Nachfolger. Denn seine eigene Familie, einschließlich des Thronfolgers und der Ehefrau, hatte, wie es in seinem entsprechenden Erlass heißt, gegen ihn konspiriert. Der Zusammenhalt des Königshauses wurde aufgrund dieser und späterer Erfahrungen zu einer Forderung, die immer wieder von den Großkönigen erhoben wurde: »Einig sein wie ein Wolfsrudel« war das Motto, um zugleich damit auch das Wohlergehen des gesamten Staatswesens zu sichern. Es zeigte sich, dass bis zum Ende des Hethiterstaates immer wieder Konflikte um den Thron ausbrachen, die die Stabilität des Reiches bedrohten.
 
Mursili I. (um 1600) hatte von Hattusili den Auftrag übernommen, Halab zu erobern, und hatte ihn erfüllt. Nachdem es ihm durch die Eroberung dieser Stadt gelungen war, Nordsyrien unter hethitische Kontrolle zu bringen, wandte er sich kleineren Fürstentümern im Euphratbereich zu und warf sie nieder. Schließlich marschierte das hethitische Heer sogar bis nach Babylon. Samsuditana, der letzte König der Dynastie Hammurapis, wurde geschlagen, die Stadt Babylon eingenommen und der Statue des Stadtgottes Marduk beraubt. Für Mursili bedeutete das nicht nur Beute, sondern auch einen beträchtlichen Prestigegewinn; denn mit Halab und Babylon waren zwei der bedeutendsten Machtzentren des Vorderen Orients in die Hände der Hethiter gefallen — eine Tatsache, die daher in der hethitischen historischen Tradition noch lange eine Rolle spielte.
 
Die Einnahme Babylons bedeutete jedoch nicht, dass damit die Hethiter auch Mesopotamien beherrscht hätten. Nach ihrem offenbar recht raschen Abzug traten in Babylon vielmehr die Kassiten die Herrschaft an. Auch das nördliche Syrien blieb nicht unter hethitischer Kontrolle, und Mursili hatte offenbar nicht die Zeit, hier erneut einzugreifen. Er wurde von Angehörigen der Aristokratie von Hattusa ermordet. Dies war der Auftakt zu einer Serie von Königsmorden, die das hethitische Reich erschütterten und nicht nur alle Eroberungen südlich des Taurus verloren gehen ließen, sondern auch Gegner in Anatolien zum Angriff ermutigten.
 
Erst um 1525 v. Chr. vermochte Großkönig Telipinu durch einen Thronfolgeerlass, der die erbliche Monarchie in männlicher Linie festlegte, dem Reich wieder eine gewisse politische Stabilität zu verleihen. Nachfolger des Herrschers sollte jeweils ein »Sohn ersten Ranges« werden, das heißt ein Sohn aus der Ehe mit der Großkönigin; gab es einen solchen nicht, so sollte ein »zweitrangiger« Sohn folgen, der aus einer anderen Verbindung des Großkönigs stammte. War auch ein solcher Sohn nicht vorhanden, dann war die Reihe an einem Sohn einer Tochter des Verstorbenen, die er mit der Großkönigin gezeugt hatte. Ferner galt es, auch in die Finanzen neue Ordnung zu bringen, und so widmete sich der Erlass auch dem Ausbau des Abgabensystems. Die königlichen Vorratshäuser, wegen ihrer Sicherung durch Versiegelung »Siegelhäuser« genannt, wurden neu bestimmt. Für Betrügereien bei der Ablieferung von Erträgen wurde die Todesstrafe angedroht. Die über den Tod eines Hausvorstehers fortdauernde Leistungskraft der Familienwirtschaften wurde durch entsprechende Erbregelungen gestärkt. Zudem vermochte Telipinu auch einige militärische Erfolge in Anatolien zu verzeichnen: Er zog in die Region des mittleren Taurus, in den Grenzbereich zum Land Kizzuwatna sowie in die Nähe des Euphrat. Seinem Nachfolger konnte er somit ein wieder gefestigtes Königreich übergeben. Die Ausdehnung, die das Hethiterreich unter Hattusili I. und Mursili I. erlangt hatte, konnte allerdings nicht wiederhergestellt werden. Das lag nicht nur an den internen Problemen des Hethiterstaates und seiner ständigen Bedrohung durch benachbarte kleinasiatische Völker; ihnen gegenüber musste sich der neue Großkönig jeweils wieder als Oberherr zur Geltung bringen. Vor allem die Konsolidierung eines starken Staates im nördlichen Mesopotamien, der dann bald auch nach dem südöstlichen Anatolien und dem nördlichen Syrien ausgriff, hat die hethitische Expansion über den Taurus eingeschränkt: Mitanni.
 
Die Entstehung des Mitannireiches in Obermesopotamien
 
Im nördlichen Mesopotamien waren schon seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. Bevölkerungsgruppen ansässig, die in den keilschriftlichen Quellen als Hurriter bezeichnet werden. Ihre Sprache, aus dem 2. Jahrtausend auf Tontafeln überliefert, war weder mit dem Sumerischen noch mit einer semitischen oder indoeuropäischen Sprache verwandt; erst spätere Bewohner Transkaukasiens haben wieder Zeugnisse hinterlassen, die sprachliche Verwandtschaft zum Hurritischen zeigen. Was die Hurriter des 3. Jahrtausends betrifft, so dürfte der Niedergang des Reiches von Akkad die Entstehung eigener hurritischer Fürstentümer begünstigt haben. Auf einer kleinen Bronzetafel tritt uns mit einer altakkadischen Inschrift erstmals ein hurritischer Herrscher mit Namen entgegen: Atalschen oder Arischen. Er regierte die Städte Urkisch (heute der Ruinenhügel Tell Mozan an der syrisch-türkischen Grenze) und Nawar/Nagar, das wohl an der Stelle des Tell Brak im Zuflussbereich des Khabur lag. Weitere Namen hurritischer Fürsten treten uns in diesem Bereich auch später entgegen, und Texte der Zeit der III. Dynastie von Ur (2111—2003) verweisen auf hurritische Kleinstaaten auch im Gebirgsland östlich des Tigris. Als das Reich von Ur zusammenbrach, war für die Ausbildung eigener politischer Strukturen auch im Norden des Zweistromlandes offenbar eine günstigere Situation gegeben. Eine in hurritischer Sprache abgefasste Inschrift des Königs Tischatal von Urkisch deutet darauf, dass die Dynastie offenbar an die Tradition des Atalschen anzuknüpfen vermochte und ihren Einfluss sogar bis in das Tigrisgebiet ausdehnen konnte. Dennoch bleiben diese Vorgänge wegen des Fehlens schriftlicher Zeugnisse bisher noch weithin im Dunkel; Textfunde in hurritischen Zentren Obermesopotamiens können hier vielleicht bald Aufklärung geben. Zur Zeit von Schamschi-Adad I., das heißt im frühen 18. Jahrhundert v. Chr., waren die hurritischen Fürstentümer Obermesopotamiens offenbar ohne Bedeutung.
 
Als dann die Hethiter unter ihren Großkönigen Hattusili I. und Mursili I. im 17./16. Jahrhundert über den Taurus nach Süden vordrangen, trafen sie im nordsyrisch-obermesopotamischen Raum auf eine Reihe kleinerer hurritischer Fürstentümer, die untereinander um die Vorherrschaft stritten. Vielleicht sind diese mit einer entsprechenden Bemerkung Hattusilis I. gemeint, wenn er in Verbindung mit der Belagerung des nordsyrischen Urschu »Söhne des Sohnes des Wettergottes« erwähnt. Der »Sohn des Wettergottes« müsste der dominierende Fürst des hurritischen Bereichs Obermesopotamiens und Nordsyriens gewesen sein — er erhob dann wie der König von Halab und der Großkönig von Hatti den Anspruch darauf, dem Wettergott besonders nahe zu stehen und in seinem Auftrag zu handeln. So betrachtet, wäre der Kampf zwischen Hatti, Halab und Mitanni ebenfalls ein Streit der »Söhne des Wettergottes« — vielleicht ein Aspekt, der in diesem Zusammenhang beachtet werden sollte. Als später Halab durch die hethitische Eroberung seine Rolle als Großkönigtum einbüßte, mögen diese hurritischen »Könige« auch einen breiteren Spielraum erhalten haben, da ja die Hethiter ihre Herrschaft südlich des Taurus nicht dauerhaft halten konnten. Einer der Hurriterfürsten muss dann, vermutlich gestützt auch auf den Anspruch, Sohn des Wettergottes zu sein, sein Streben nach der Vorrangstellung unterstrichen haben. Die Bildung des Staates Mitanni war daher wohl das Ergebnis der Durchsetzung eines Anspruchs auf Oberherrschaft. Es scheint jedoch, dass die einzelnen Könige diesen immer wieder neu gegen Mitbewerber aus dem Kreis der Hurriterfürsten zu verteidigen hatten. Von Interesse ist, dass in der auf Mitanni bezogenen Überlieferung auch indoarische Namen und Begriffe erscheinen, letztere vor allem in Verbindung mit dem Pferdetraining. Es wäre wohl verfehlt, daraus auf die Präsenz einer größeren Gruppe der Indoarier im nördlichen Zweistromland zu schließen. Doch müssen jene Hurriter, die an der Gründung des Mitannistaates Anteil hatten, irgendwann und irgendwo einmal engeren Kontakt mit einer indoiranischen Bevölkerung gehabt haben, die damals auf dem Weg nach Indien war, wo sie als Aryas (Arier) um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. auftraten.
 
Im 16. Jahrhundert v. Chr. entstand für die Ausdehnung von Mitanni eine günstige Situation, die man als ein machtpolitisches Vakuum bezeichnen könnte: Das Großkönigtum Jamchad mit seiner Königsresidenz Halab war von den Hethitern geschlagen und auf das Gebiet um Halab begrenzt worden. Im nordmesopotamischen Assur regierten schwache Könige, und in Babylonien war das Erbe Hammurapis den Kassiten zugefallen, die zunächst ihre eigene Position festigen mussten. Die Pharaonen der 18. Dynastie hatten zwar bereits mit ihren Angriffen auf Syrien begonnen, stellten für den obermesopotamischen Raum aber noch keine Bedrohung dar. Hinzu kommt, dass das Kerngebiet von Mitanni, im nördlichen Khaburbereich gelegen, eine große verkehrsgeographische Bedeutung hatte. Es war von wichtigen Karawanenwegen durchzogen, woraus auch die ansässigen Fürsten ihren Nutzen zogen. Vielleicht folgte König Parattarna (um 1500) diesen Routen, als er seinen Einfluss bis zur Küste des Mittelmeeres ausdehnte und König Idrimi von Alalach (an der Orontesmündung) unter Eid nahm. Aber auch in südöstlicher Richtung, in den östlich des Tigris gelegenen Raum, dehnte sich Mitanni aus, wobei Assur in Abhängigkeit geriet. In Syrien wurde die mitannische Dominanz allerdings durch die frühen Pharaonen der 18. Dynastie infrage gestellt. Es war vor allem Thutmosis III., der weit nach Norden vorstieß und dabei sogar den Euphrat erreichte. Hier errichtete er ein Siegesdenkmal neben dem seines Großvaters Thutmosis I., der damals vermerkt hatte, dass jenseits dieses Flusses ein Land liege, das man Mitanni nenne.
 
Während der Auseinandersetzungen mit Ägypten um Syrien regierte in Mitanni Sauschtatar (15. Jahrhundert v. Chr.), der seine Residenz in Waschukanni hatte. Die Stadt konnte bislang archäologisch noch nicht nachgewiesen werden, lag aber sicher im oberen Bereich des Khabur und seiner Quellflüsse. Es fehlt dadurch bis- her auch an Schriftzeugnissen aus der Hauptstadt des Mitannireichs, wie sie dort ganz gewiss zu erwarten wären. So sind die Informationen, die aus der Peripherie Mitannis im Südosten (bei Kirkuk) und aus Ägypten, dem Rivalen um Syrien, überliefert sind, bisher die wichtigsten Quellen. Nach 1400 v. Chr. geriet Obermesopotamien wieder stärker in das Interesse der erneut über den Taurus strebenden hethitischen Macht, und es sind vor allem ihre Textzeugnisse, die dann auch über das Ende des Mitannireiches berichten. Ägypten und Mitanni versöhnten sich demnach vor dem Hintergrund einer erneut wachsenden hethitischen Macht, die die syrischen Interessen beider Staaten bedrohte. Eine mitannische Prinzessin wurde in diesem Zusammenhang nach Ägypten geschickt, um Nebengemahlin Thutmosis' IV. (um 1397—1387) zu werden.
 
Die Amarnazeit und neue Machtverhältnisse
 
Als 1887 ägyptische Bauern beim mittelägyptischen Tell el-Amarna, etwa 300 Kilometer südlich von Kairo, während des Grabens nach Humuserde auf Tontafeln stießen, war ihnen die Bedeutung dieses Fundes für die Geschichte des alten Vorderen Orients gewiss nicht bewusst. Es handelte sich dabei um nahezu 400 Keilschrifttexte, geschrieben fast durchweg in babylonisch-assyrischer Sprache, deren man sich zu dieser Zeit im internationalen Verkehr bediente. Der weitaus größte Teil dieser Texte erwies sich als Briefe, die die verschiedenen Könige Vorderasiens sowie syrische und palästinische Kleinfürsten nach Ägypten an die Pharaonen Amenophis III., Amenophis IV./Echnaton und Tutanchamun sandten. Diese »Amarnabriefe« reflektieren in sehr eindringlicher und zugleich bildhafter Sprache die Situation in einer Zeit, die durch das Neben- und Gegeneinander einer Reihe bedeutender Königreiche geprägt war. Außer Ägypten, dessen Pharaonen sich ohnehin als die bedeutendsten unter allen Fürsten sahen, waren das die Könige von Mitanni, von Hatti, von Zypern, von Assyrien und Babylonien, das heißt der wichtigsten altorientalischen Reiche. Sie zeigen den Hethiter Suppiluliuma I., den Mitannikönig Tuschratta, den Assyrer Assur-uballit I. und die babylonischen Könige Kadaschman-Enlil I. und Burnaburiasch II. als Zeitgenossen, die miteinander rivalisierten, aber auch alle in diplomatischen Kontakten zu Ägypten standen. Und das hieß auch, Botschaften und Geschenke auszutauschen sowie durch die Entsendung von Prinzessinnen sich dem Hof Ägyptens enger zu verbinden. Deutlich wird in diesen Briefen aber ebenfalls, dass es zwei Mächten in dieser Zeit gelang, erneut zu politischer Bedeutung aufzusteigen: Hatti und Assur.
 
Im Hethiterstaat in Kleinasien war es nach der Regierung des Königs Telipinu wiederum zu einem Rückgang der Macht gekommen. Die Großkönige mussten sich vor allem mit Gegnern in Kleinasien selbst auseinander setzen. Das hinderte sie zunächst daran, südlich des Taurus erneut im Blickfeld ihrer mesopotamischen und ägyptischen Zeitgenossen zu erscheinen. Vor allem die im Norden, im Bereich der pontischen Gebirge, lebenden Kaschkäer fielen immer wieder in das hethitische Kernland im Bogen des Kɪzɪlɪrmak, der in der Antike Halys hieß, ein. Erst Tutchalija II. (um 1400) konnte das Reich dann wieder zu größerer Geltung führen und zwischen der ägäischen Küste und dem Euphrat, den pontischen Bergen und dem Taurus den Staat festigen. Es gelang ihm sogar, auf das nördliche Syrien Einfluss zu nehmen. Das setzte zunächst eine Oberhoheit auch über das Land Kizzuwatna voraus, mit dessen König ein entsprechender Vertrag geschlossen wurde. Der enge Kontakt zur hurritischen Bevölkerung im Taurusgebiet führte dabei zu einem verstärkten Einfluss der hurritischen Kultur und Sprache auf das hethitische Reich. Das äußerte sich nicht nur darin, dass Angehörige des großköniglichen Hauses zumindest als Zweitnamen einen Namen hurritischer Prägung trugen, sondern auch in einer zunehmenden Bedeutung hurritischer Götter und Kulte.
 
Dann aber erfolgte eine »konzertierte« Gegenreaktion, die in einer späteren Überlieferung beschrieben wird: Vom Norden her drangen die stets unruhigen Kaschkäer ins hethitische Kernland vor. Wie es scheint, haben sie sogar die hethitische Hauptstadt selbst eingenommen und gebrandschatzt. Aus dem Land Arzawa im westlichen Kleinasien gelangten feindliche Truppen bis in das Land Hatti, während das »Obere Land« von Azzi (nordöstliches Anatolien) her bedrängt wurde. Aus dem Gebiet des oberen Euphrat, aus dem Land Ischuwa, wurde der östliche Teil des Hethiterreiches attackiert, und von Armatana aus erreichten feindliche Scharen das Grenzgebiet des Landes Kizzuwatna. Hattusa wurde somit auf einen relativ engen Raum im zentralen Anatolien beschränkt.
 
Es war Suppiluliuma I. (14. Jahrhundert), dem es nach langen Kämpfen — ein späterer Text veranschlagt dafür »zwanzig Jahre« — gelang, das Reich zunächst in Anatolien wieder in seinen früheren Grenzen herzustellen. Vor allem der Bericht, den später sein Sohn Mursili über seine Taten verfasste, gibt hierüber nähere Auskunft. Mit seinen anschließenden Feldzügen südlich des Taurus trat Suppiluliuma dann auch in den Horizont der Amarnatexte, die vor allem seine militärischen Unternehmungen in Syrien zeigen. Mit Ägypten, das den südlichen Teil dieses in der Geschichte so oft umkämpften Landes besaß, legte sich der hethitische Großkönig zunächst nicht an. Er sandte sogar ein Begrüßungsschreiben, als dort ein neuer Pharao auf den Thron kam. Sein Hauptaugenmerk richtete sich vielmehr auf Mitanni und das zu diesem obermesopotamischen Staat gehörende nördliche Syrien. Anfangs offenbar noch wenig erfolgreich, durchzog Suppiluliuma das obere Mesopotamien. Er erreichte dabei die mitannische Hauptstadt Waschukanni, doch sein Gegner Tuschratta wich ihm aus. So setzte Suppiluliuma seinen Marsch in Richtung Syrien fort, überschritt den Euphrat und nahm die Huldigung nordsyrischer Fürsten entgegen. Weiter führte ihn sein Feldzug bis in das südliche Syrien, das zum Einflussbereich Ägyptens gehörte. Ein offener Konflikt wurde aber zunächst vermieden — schließlich war der Hauptgegner, Mitanni, in seinem Kernbereich noch nicht geschlagen und besaß auf dem Westufer des Euphrat mit der festen Stadt Karkemisch sogar einen Brückenkopf. Wie es scheint, stand die Festung unter dem Kommando eines mitannischen Kommandanten. Das hethitische Hauptheer belagerte die Stadt, während ein anderer Teil der Truppen das zu Ägypten haltende Kadesch angriff und dann bis in die Ebene zwischen Libanon und Antilibanon vorstieß. Damit kam es auch zu einer Verletzung ägyptischen Hoheitsgebietes. Vielleicht fühlte sich der hethitische König dadurch dazu ermutigt, dass nach der Ermordung Tuschrattas von Mitanni Kämpfe um die Nachfolge ausbrachen.
 
Während Suppiluliuma vor Karkemisch stand, traf ein Bote aus Ägypten ein, entsandt von der Witwe des gerade verstorbenen Pharaos, als den man wohl Tutanchamun annehmen darf, jenen ägyptischen König, dessen wieder entdecktes Grab im 20. Jahrhundert für großes Aufsehen sorgte. Was von diesem Boten übermittelt wurde, ist von Suppiluliuma gewiss als eine besondere Ehre betrachtet worden, die ihm aber so unerwartet zuteil wurde, dass er verblüfft war, der Nachricht misstraute und darin eine Falle sah. Denn die ägyptische Königin teilte ihm mit, dass ihr Gatte verstorben sei, sie aber keinen ihrer Diener heiraten wolle, sondern vielmehr einen der Söhne Suppiluliumas zum Ehemann begehre. Der hethitische König beriet sich daraufhin mit seinen »Großen«, dann sandte er einen seiner Vertrauten zusammen mit dem ägyptischen Boten an den Nil, um sich die Aufrichtigkeit des Schreibens bestätigen zu lassen. Während die Frage einer dynastischen Verbindung der beiden Reiche Hatti und Ägypten noch nicht entschieden war, vermochte Suppiluliuma Karkemisch einzunehmen. Ganz Nordsyrien, früher Teil des Mitannistaates, stand damit unter hethitischer Kontrolle.
 
Die im folgenden Frühjahr aus Ägypten zurückkehrenden Boten trafen den Großkönig in Hatti, und sie bestätigten das Anliegen mündlich sowie durch einen weiteren Brief der über das Misstrauen empörten ägyptischen Königin. Suppiluliuma sandte nun seinen Sohn Zannanza nach Ägypten, der als Gemahl der Königinwitwe Herrscher über Ägypten werden sollte. Doch Zannanza starb — auf dem Weg oder bereits in Ägypten —, offenbar ermordet von einer ägyptischen Gegenpartei, der wohl auch der einflussreiche General Eje zugehörte. Suppiluliuma beklagte sich darüber in einem wohl an diesen Militärführer, der inzwischen in Ägypten als Gemahl der Königin den Thron bestiegen hatte, gerichteten Schreiben, doch verwahrte sich der Ägypter gegen Vorwürfe. Nichtsdestoweniger kam es dadurch zu einem offenen Bruch mit Ägypten, der schließlich im Kampf um Mittelsyrien zur Schlacht von Kadesch führte und erst durch den Friedensvertrag Hattusilis III. mit Ramses II. beendet wurde.
 
Der Aufstieg Hattis zur Großmacht unter Suppiluliuma I. war jedoch nur eines der Ergebnisse jener heute »Amarnazeit« genannten Periode. Assyrien war durch den Sieg der Hethiter über Mitanni wieder selbstständig geworden, wie ein Brief des Königs Assur-uballit I. an den Pharao zeigt, in dem er den Anspruch Assyriens als gleichberechtigte Macht anmeldete. In der Folgezeit, während der sich Hethiter und Ägypter die Kontrolle über Syrien teilten, hat Assyrien sein Territorium in Obermesopotamien ausgeweitet und sich mit dem kassitischen Babylonien auseinander gesetzt.
 
Mesopotamien zur Zeit des Mittelassyrischen und des Kassitisch-Babylonischen Reiches
 
Der aus den Amarnatexten wie auch durch eigene Inschriften bekannte assyrische König Assur-uballit I. (1363—1328) kann an den Beginn einer Periode gestellt werden, die als mittelassyrisch bezeichnet wird. Bis in das 11. Jahrhundert haben die Könige, die sich nunmehr als solche vom »Land Assur« bzw. Assyrien bezeichneten, mit ihren Nachbarn im Westen und Süden gekämpft und zugleich Eroberungszüge in die nördlichen Bergländer unternommen. In Obermesopotamien ging es vor allem um die Ausdehnung in Richtung Euphrat, was zu Auseinandersetzungen mit dem von den Hethitern eingerichteten Nachfolgestaat von Mitanni, Hanigalbat, führte. Im Süden war es das unter den Kassiten, einer wohl ursprünglich aus dem Bergland östlich des Tigris stammenden Dynastie, stehende Babylonien, das die besondere Aufmerksamkeit mittelassyrischer Politik fand. Schließlich kämpfte Assur-uballit im Gebirgsland Nairi nordöstlich von Assyrien, das politisch in eine Reihe von kleinen Fürstentümern und Stammesterritorien gegliedert war, aber den Zugang zu wichtigen Rohstoffen öffnete.
 
Assur-uballit hatte, um seine Position unter den vorderasiatischen Herrschern zu festigen, eine seiner Töchter mit dem babylonischen König verheiratet. Als ihr Sohn bei einer Rebellion getötet wurde, war das für ihn ein Grund, einzugreifen und einen neuen Herrscher in Babylon zu installieren. Babylonien stand damit für einige Zeit unter assyrischer Kontrolle. Der Aufstieg assyrischer Macht vollzog sich dann vor allem unter Adad-nerari I. (1305—1274), der zwei erfolgreiche Feldzüge gegen Hanigalbat führte, sowie unter Salmanassar I. (1273—1244), der die assyrische Herrschaft bis zum mittleren Euphrat ausdehnte. Damit waren die Assyrer zu unmittelbaren und bedrohlichen Nachbarn der syrischen Territorien der Hethiter geworden; vielleicht war es diese Situation, die bei den Hethitern den Gedanken einer Aussöhnung mit Ägypten forcierte. So kam es zur Zeit Hattusilis III. von Hatti (um 1266—1236) zu einem Vertragsschluss mit Pharao Ramses II., der »guten Frieden und gute Bruderschaft auf ewig« zwischen Hethitern und Ägyptern herstellen sollte. Auf einer silbernen Tafel in babylonischer Sprache niedergeschrieben und in ägyptischer Übersetzung auf Stelen in Karnak und im Ramesseum, dem Totentempel Ramses'II., überliefert, gehört dieser Vertragsschluss zu den großen diplomatischen Ereignissen, die aus dem Alten Orient auf uns gekommen sind. Als politischer Hintergrund ist dabei an das — im Text unerwähnt gelassene — veränderte Kräfteverhältnis zwischen Hatti und Assyrien zu denken, das die Großmachtposition der Hethiter bedrohte.
 
Den Höhepunkt seiner Macht erreichte der mittelassyrische Staat unter König Tukulti-Ninurta I. (1243—1207). Dieser setzte sich am oberen Euphrat erfolgreich mit den Hethitern auseinander und zog dann bis in das nördliche Babylonien. Stolz legte er sich den traditionellen Titel »König der Gesamtheit« zu, mit dem ein Anspruch auf Oberhoheit verbunden war, und in epischer Form wurde sein Sieg über den Babylonier Kaschtiliasch IV. der Nachwelt überliefert. Die Schuld an diesem Kampf zwischen den beiden mesopotamischen Königreichen wird dabei den Babyloniern zugewiesen, die die Assyrer provoziert hätten. Erstmals wird in den Inschriften Tukulti-Ninurtas I. erwähnt, dass aus unterworfenen Gebieten Teile der Bevölkerung deportiert wurden — eine Praxis, die dann in neuassyrischer Zeit in großem Umfang weitergeführt wurde, um einerseits in den unterworfenen Territorien Aufstände zu vermeiden, andererseits Arbeitskräfte zu gewinnen. Aber Tukulti-Ninurta war auch der erste mittelassyrische König, der außerhalb Assurs seinen Sitz nahm: Etwa 3 km oberhalb der ehrwürdigen Kultstadt, noch in ihrer Sichtweite, ließ er unter Heranziehung von Kriegsgefangenen und Deportierten in kurzer Zeit eine ausgedehnte neue Residenz bauen, die er Kar-Tukulti-Ninurta, »Kai« oder »Hafen des Tukulti-Ninurta«, nannte. Obwohl er diese Anlage, zu der ein riesiger und reich ausgeschmückter Palast, mehrere Tempel und eine Zikkurat, also ein Tempelturm bzw. Hochtempel, gehörten, mit einer Mauer sicherte, entging er nicht seinem Schicksal: Bei einer Palastverschwörung, an der sich seine eigenen Söhne beteiligten, wurde er ermordet. Die Stadt, die er sich als Residenz erbauen ließ, wurde wieder aufgegeben; deutsche Ausgrabungen haben ihr Bild wiedererstehen lassen.
 
Es ist unklar, inwieweit der assyrische Angriff auf Babylonien mit der assyrischen Palastrevolte in Verbindung zu bringen ist. Immerhin scheint es in Assyrien eine probabylonische Partei gegeben zu haben, und der babylonische Gott Marduk wurde auch in Assyrien verehrt. Zudem dürften Beeinträchtigungen, die die Stadt Assur durch den Bau der neuen Residenzstadt hinnehmen musste, zum Unmut vor allem der assyrischen Elite geführt haben. So war der Kampf gegen Babylon, bei dem der kassitische Herrscher den Tod fand, die Stadt Babylon geplündert und die Statue des Gottes Marduk weggeführt wurde, vielleicht eher Anlass als Ursache des Aufstands.
 
Aber es war gerade die Statue des Marduk, deren Zurückholung nach dem hethitischen Angriff auf Babylon (um 1595) dem ersten kassitischen, in Babylon residierenden Fürsten Agum II. zu Ansehen verholfen hatte. Die kassitische Bevölkerung, die bereits zur Zeit der Hammurapidynastie in das Land an Euphrat und Tigris eingewandert war, stellte fortan für etwa 400 Jahre die Herrscher des Landes Babylonien.
 
Unter Einschluss der kassitischen Fürsten, die bereits vor der hethitischen Eroberung Babylons Teile Mesopotamiens beherrschten, nennt eine babylonische Liste insgesamt 36 Königsnamen, die meist einer Sprache zugehören, über die bislang wenig bekannt ist, dem Kassitischen; diese Sprache lässt sich bisher noch keiner bekannten größeren Sprachgruppe zuordnen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Zuwanderer aus dem östlichen Gebirgsland rasch an die babylonische Kultur anpassten. Das kann auch eine Ursache dafür sein, dass bisher nur wenige kassitische Texte überliefert sind. Die Könige bedienten sich in ihren Inschriften weitgehend der babylonischen Sprache. In diesen Texten tritt dann vor allem Kurigalzu I. hervor, der um 1400 v. Chr. regierte und eine neue Residenzstadt gründete, die er Dur-Kurigalzu, »Festung des Kurigalzu«, nannte. Ihre Ruinen sind bei Aqar Quf nordwestlich von Bagdad heute noch zu sehen und wirken vor allem durch die Reste eines großen Tempelturmes (Zikkurat) imposant. Kurigalzu konnte offenbar gegenüber den Assyrern Erfolge erzielen, und im Südosten Mesopotamiens drangen seine Truppen bis Elam und an die Küste des Persischen Golfs vor. Dennoch verblasste der Ruhm dieser Dynastie unter den Nachfolgern Kurigalzus, und außer einigen Zusammenstößen mit den Assyrern weiß man wenig über die folgenden Jahrzehnte. Die Könige Kadaschman-Enlil I. und Burnaburiasch II. erscheinen dann als Briefpartner des Pharaos in den bereits genannten Amarnabriefen; sie bemühten sich durch Grußadressen und Geschenke um gute Beziehungen zu Ägypten, die durch dynastische Heiraten abgesichert werden sollten. Kadaschman-Enlil forderte den Pharao auf, die für ihn vorgesehene, inzwischen herangewachsene babylonische Prinzessin abzuholen. Andererseits aber entsprach der ägyptische König nicht dem Wunsch des Kadaschman-Enlil nach einer ägyptischen Prinzessin. Deshalb schlug dieser vor, statt ihrer irgendeine schöne Ägypterin nach Babylon zu senden, die als Tochter des Pharaos ausgegeben werden könne. Es ging dem kassitischen König um sein Prestige, das durch eine dynastische Verbindung mit Ägypten bedeutend gewachsen wäre.
 
Später, zur Zeit des Königs Kadaschman-Turgu (um 1270), kam es wieder zu Auseinandersetzungen der Babylonier mit den Assyrern. In seiner Bedrängnis suchte der kassitische Herrscher sogar Unterstützung bei den Hethitern. Diese waren ihrerseits daran interessiert, gleichsam im Rücken der Assyrer einen Bundesgenossen zu haben, und so versuchte dann der Hethiterkönig Hattusili III. in seinem Briefwechsel mit Kadaschman-Enlil II. (um 1250), diesen jungen König durch Schmeicheleien für den Kampf gegen Assyrien zu gewinnen, indem er ihn als überlegen darstellte. Wenig später aber eroberte Tukulti-Ninurta I. von Assyrien die Stadt Babylon, und wiederum einige Jahrzehnte danach nahm ein König des südwestiranischen Staates Elam, Schutruk-Nachunte (um 1157), Babylonien in Besitz. Der letzte kassitische König wurde als Gefangener nach Elam gebracht. Mit ihm nahmen auch die Statue des Gottes Marduk, die Gesetzesstele des Hammurapi und andere Denkmäler ihren Weg in das Land der Sieger, wo einige von ihnen dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Archäologen bei den Ausgrabungen in Susa gefunden wurden. Aber auch die Elamer blieben nicht lange Herrscher über Babylon. Es gelang einem Herrscher der Stadt Isin, Nebukadnezar I. (1133—1116), sie zu vertreiben. Wahrscheinlich vermochte er sich dabei auf die Bevölkerung ganz Babyloniens zu stützen. Er drang sogar bis Elam vor, und wiederum nahm die begehrte Statue des Gottes Marduk ihren Weg, dieses Mal von Elam zurück nach Babylon.
 
Zu dieser Zeit herrschte in Assyrien ein König namens Assur-rescha-ischi I. (1132—1115). Mit ihm begann, nach einer Zeit der Kämpfe mit zuwandernden aramäischen Gruppen, erneut der Aufstieg Assyriens zur Macht. Dabei wurden jetzt zunehmend Waffen benutzt, die eine besondere Durchschlagskraft und Reichweite besaßen, denn sie waren aus Eisen. Erbe eines wieder stabilisierten assyrischen Reiches wurde dann Tiglatpileser I. (1114—1076). Auf seinen Feldzügen vermochte er Gebiete anzugreifen, die durch das Ende des kassitischen Staates sowie den Zusammenbruch des Hethiterreiches keinen starken Schutz mehr genossen. Die Züge führten ihn bis zum Taurus und zur Küste des Mittelmeers, aber auch nach Babylonien sowie in die nördlichen Gebirge, in die Nairiländer. In seinen Inschriften gibt er darüber einen Bericht, wobei für den Inlandbewohner Tiglatpileser sein Zug zur Meeresküste Syriens gewiss einen Höhepunkt darstellte. Er stieß dabei offenbar kaum auf einen ernsthaften Widerstand, denn bereits um das Jahr 1200 waren die hethitische und ägyptische Kontrolle Syriens zusammengebrochen, und Gruppen einer neuen Bevölkerung, »Seevölker« und Aramäer, hatten sich dort niedergelassen. Tiglatpileser gelangte unweit des heutigen Tartus ans Meer und bestieg dort ein Boot, um zur Insel Arwad überzusetzen und dann zur Küste bei der Stadt Sumur (oder Simirra) zurückzukehren. Die Seefahrt, bei der er ein Meerestier — vielleicht einen Delphin — erlegte, war zweifellos ein besonderes Ereignis in der Regierungszeit dieses assyrischen Königs.
 
Die Nachfolger Tiglatpilesers jedoch vermochten die Grenzen seines Reiches nicht mehr zu halten. Insbesondere verloren sie weite Territorien an die Aramäer, die nunmehr in verstärktem Maße aus den Randzonen des »Fruchtbaren Halbmonds« in dessen Kerngebiete einwanderten. Sie und andere Zuwanderer konnten dabei vom Zerfall der bislang bestehenden bronzezeitlichen Herrschaftssysteme profitieren.
 
Das hethitische Großreich
 
Um etwa 1200 v. Chr. und kurz danach verschwand eine ganze Reihe von Staaten von der politischen Landkarte Vorderasiens. Zu ihnen gehörte auch das Hethiterreich in Anatolien und Syrien. Seit Suppiluliuma I. zur Amarnazeit den hethitischen Einfluss über den Taurus bis Mittelsyrien hatte ausdehnen können, haben noch eine Reihe bedeutender Fürsten das Großreich regiert. Es erstreckte sich von den Gebirgen an der Küste des Schwarzen Meeres bis in die Ebenen Mittelsyriens, vom westlichen Kleinasien bis nach Obermesopotamien, aber es bedurfte ständiger Kontrolle und zahlreicher neuer Feldzüge, um es zusammenzuhalten. Denn es umfasste ein wirtschaftlich und politisch unterschiedlich entwickeltes Gebiet und wurde im Wesentlichen durch die Person des Großkönigs, dem die unterworfenen Fürsten einen Treueid geleistet hatten, zum hethitischen Territorium. Suppiluliuma hatte zur Festigung hethitischer Macht im besonders wichtigen nördlichen Syrien, dessen Getreide und Handelsanteil für die Vorratskammern der hethitischen Residenzstadt Hattusa wichtig waren, zwei seiner Söhne als Könige eingesetzt: den als Priester des Wettergottes ausgebildeten Telipinu im Kultzentrum Halab, in dem gleichfalls vor allem der Wettergott verehrt wurde, und Pijasili (mit hurritischem Namen Scharri-Kuschuch) in der Euphratfestung Karkemisch. In beiden Orten hatte es zur Zeit der Eroberung durch die Hethiter keine lokalen Dynastien mehr gegeben, und beide Plätze spielten zugleich eine besondere Rolle im nordsyrischen Raum. Ansonsten aber waren Verträge mit den einzelnen lokalen Fürsten, so etwa mit denen von Ugarit an der Küste und Amurru in Mittelsyrien, die eigentliche Anbindung an Hatti. Sie waren eigentlich wie Edikte des Großkönigs formuliert und mussten von den Vertragspartnern beschworen werden, die sich damit zur Loyalität gegenüber der großköniglichen Dynastie, zur Waffenhilfe, Auslieferung von politischen Flüchtlingen und Tributsendung verpflichteten. Aber die hethitische Herrschaft jenseits des Taurus stand noch auf schwachen Füßen; die »Vasallen« beobachteten sehr genau die Macht oder Schwäche der Großkönige in Hattusa, und sie richteten meist ihr Verhalten nach der politischen Situation, vor allem der militärischen Präsenz anderer Könige in der Nähe ihrer Fürstentümer. Dabei waren es vor allem zwei Mächte, die für die Herrschaft der Hethiter jenseits des Taurus und damit ihre Rolle als Großmacht gefährlich werden konnten: die Assyrer und die Ägypter.
 
Schon Suppiluliumas Sohn Mursili II. (um 1300) musste persönlich in Syrien erscheinen, um nach Rebellionen die Autorität als Oberherr wiederherzustellen. Denn der Tod Suppiluliumas und die nur kurze Regierung seines kranken Nachfolgers, aber auch eine in weiten Teilen des hethitischen Reiches grassierende Epidemie waren einigen syrischen Untertanen als Gelegenheit erschienen, dem Großkönig nicht mehr zu folgen. Es kam hinzu, dass die Assyrer ihren Vormarsch in Richtung Euphrat aufgenommen hatten und die Ägypter ebenfalls erneut in Syrien militärisch aktiv wurden. Mursili ordnete nach Niederwerfung des Aufstands daher die Verhältnisse in Syrien und schloss neue Verträge mit den unterworfenen Fürsten. In Anatolien selbst musste er in mehreren Feldzügen die Stammesgruppen der Kaschkäer zurückwerfen, die jede Gelegenheit nutzten, hethitisches Gebiet zu überfallen und zu verwüsten.
 
Unter Muwatalli II. (um 1285—1272), der Mursili auf dem großköniglichen Thron folgte, kam es in Mittelsyrien zu einem Zusammenstoß mit den Truppen Ramses'II. von Ägypten (um 1279—1212). Vielleicht in Voraussicht dieser Auseinandersetzung verlegte Muwatalli seine Residenz aus Hattusa weiter in Richtung Syrien, in die Stadt Tarchuntassa. Zugleich übertrug er seinem Bruder Hattusili die Aufsicht über die Reichsgrenzen im Norden. Die entscheidende Auseinandersetzung um die Kontrolle Mittelsyriens, vor allem des Fürstentums Amurru, fand dann im Jahr 1275 bei Kadesch (heute Tell Nebi Mend unweit Homs) statt. Da darüber ein relativ ausführlicher ägyptischer Bericht vorliegt, gehört dieser Kampf zwischen den beiden führenden Mächten des Vorderen Orients zu den bekanntesten Schlachten des Altertums. Sowohl Hethiter als auch Ägypter nahmen für sich den Sieg in Anspruch, und auch in der wissenschaftlichen Diskussion des Ereignisses sind unterschiedliche Meinungen vertreten worden. Es scheint, dass die Hethiter nach anfänglichen Schwierigkeiten die Erfolgreicheren waren, trotz eines vielleicht beispielhaften Einsatzes Ramses'II. in vorderster Linie, wie er in der ägyptischen Version im Mittelpunkt steht. Den Hethitern war es jedenfalls möglich, danach noch weit in das südliche Syrien vorstoßen. Beide Seiten erkannten aber wohl, dass mit militärischer Gewalt am Besitzstand Hattis bzw. Ägyptens in Syrien kaum etwas zu verändern war. Es war dann offenbar der nach Entmachtung seines Neffen Urchi-Teschup (Mursili III.) etwa 1266 v. Chr. auf den Thron gelangte Hethiterkönig Hattusili III., der, gewiss auch im Hinblick auf die noch größer gewordene Gefahr eines assyrischen Angriffs am mittleren Euphrat, Friedenskontakte zum Pharao aufnahm. Im Ergebnis entstand im Jahr 1259 ein »Vertrag des Friedens und schöner Bruderschaft«, der durch eine dynastische Heirat noch untermauert wurde. Er basierte auf dem territorialen Status quo und sah »ewige« Freundschaft und gegenseitigen Schutz vor. Die entsprechende begleitende Korrespondenz, an der sich auch die Königinnen und Prinzen beteiligten, gehört zu den interessantesten Dokumenten eines Meinungsaustausches zwischen den Repräsentanten zweier altorientalischer Großmächte.
 
Der Friede mit Ägypten scheint gehalten zu haben, wohl auch deshalb, weil für die Hethiter die bis zum Euphrat vorgedrungenen Assyrer weiterhin ein ernstes Problem darstellten. Tutchalija IV., Sohn und Nachfolger Hattusilis III., bemühte sich vor allem um den inneren Frieden in Hatti, der durch den Konflikt seines Vaters mit dem von seinem Vorgänger ins Exil geschickten Mursili III. gefährdet war. Vielleicht bewegte Tutchalija auch die Tatsache, dass er nur auf den Thron gelangen konnte, weil sein Vater den ursprünglich zum Thronfolger bestimmten Prinzen absetzte.
 
Hier wird wohl auch die Mutter Tutchalijas, Großkönigin Puduchepa, eine Rolle gespielt haben, Tochter eines Priesterfürsten im Land Kizzuwatna und dann durch eine — wie in Texten betont wird — Liebesheirat Gemahlin des Hattusili geworden. Sie nahm, nachdem Hattusili den hethitischen Thron bestiegen hatte, aktiv am politischen Leben Anteil und siegelte gemeinsam mit dem Großkönig wichtige politische Dokumente. Als die dynastische Verbindung mit Ägypten vorbereitet wurde, korrespondierte sie sowohl mit Ramses II. als auch mit dessen Gemahlin. Sie war es vielleicht auch, die darauf drängte, dass ihr Sohn Tutchalija systematisch als künftiger Herrscher aufgebaut wurde, indem er wichtige Ämter erhielt, und sie beeinflusste noch für einige Zeit seine Politik, nachdem er Großkönig geworden war.
 
Tutchalija IV. hat sich nicht nur politisch um den inneren Frieden bemüht, sondern auch mittels umfangreicher Aktivitäten im kultischen Bereich die Stabilität des Reiches zu festigen versucht; denn nach hethitischem Verständnis war das Wohlwollen der Götter die wichtigste Vorbedingung für das Wohlergehen des Staates und seiner Herrscher. Die Residenz- und Kultstadt Hattusa wurde weiter ausgebaut, und die Oberstadt erhielt eine Mauer und wurde mit einer Reihe von Tempeln versehen. Das nahe Hattusa gelegene Felsheiligtum Yazɪlɪkaya erhielt jetzt seine letzte, heute noch sichtbare Gestalt; später war es auch eine Stätte des Totenkults für Tutchalija selbst.
 
Dennoch waren Anzeichen einer Gefahr für das Reich nicht zu übersehen: Die Assyrer unter Tukulti-Ninurta I. gewannen an der Euphratgrenze immer mehr Macht, und ein in Ugarit entdeckter Brief des assyrischen Königs deutet darauf, dass die hethitischen Truppen im nördlichen Mesopotamien offenbar eine Niederlage erlitten. Ein Memorandum Tutchalijas an den der großköniglichen Dynastie durch die Ehe mit einer hethitischen Prinzessin auch familiär verbundenen Fürsten von Amurru (Mittelsyrien) forderte sogar zu einer Blockade des Handels mit Assyrien auf. Im gleichen Text wird auch andeutungsweise erkennbar, dass sich an der Westgrenze des Hethiterreiches ebenfalls Veränderungen vollzogen hatten. Im Bereich des einst starken Königtums Achijawa, das im ägäischen Raum bestand, waren offensichtlich bereits Gegner aufgetaucht, die zu Lande wie zur See in das östliche Mittelmeergebiet vordrangen — vielleicht jene Gruppen, die dann als »Seevölker« in der Überlieferung Ägyptens auftreten.
 
Schon zur Zeit Suppiluliumas II. (Ende des 13. Jahrhunderts), des letzten hethitischen Großkönigs, kündigten Briefe des Königs von Zypern, die dieser dem Herrscher der nordsyrischen Hafenstadt Ugarit sandte, Unheil an und rieten, sich gegen Angriffe von See her zu rüsten. Zugleich kam es in Hatti durch innere Unruhen, Dürre oder einen beginnenden Zusammenbruch des Abgabensystems immer öfter zu Hungersnöten, sodass sich sogar der ägyptische König Merenptah veranlasst sah, dem Land Hatti durch Lieferung von Getreide auszuhelfen.
 
»Seevölker« und Aramäer
 
Es ist unklar, welches der genannten Probleme die eigentliche Ursache für das Ende des Hethiterstaates gewesen ist. Nicht nur die Schriftzeugnisse von Hattusa, dessen öffentliche Gebäude durch Brand zerstört wurden, setzen jetzt aus, sondern auch die Archive von Ugarit. Die syrische Hafenstadt wurde von fremden Truppen erobert und gebrandschatzt, und auf der nahen Halbinsel Ras ibn-Hani setzte sich eine fremde Bevölkerung fest. Eine Reihe von Tontafeln, die im zerstörten Palast von Ugarit bei den Ausgrabungen gefunden wurden, enthält einige Hinweise darauf, dass Gegner vom Meer her kamen. Es waren wohl dieselben, die von den Ägyptern als »Seevölker« bezeichnet wurden. Waren es also diese Gruppen, die sich aus mehreren Stämmen, darunter den Philistern, zusammensetzten, die die allgemeine Krise am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. herbeiführten?
 
Ihre Rolle und ihre Wirkung sind von den Forschern unterschiedlich bewertet worden: Die einen glauben eher an eine Völkerwanderung, die anderen an Raubzüge von Piratengruppen. Die Ankömmlinge werden auf ägyptischen Reliefs dargestellt, wie sie, mit eigenartigen Federkronen auf dem Kopf, mit Ochsenkarren einherziehen oder auf Schiffen gegen die ägyptische Marine kämpfen. Ins syrische Binnenland scheinen sie nicht sehr weit vorgedrungen zu sein. Wollten sie vielleicht den Kontakt zu den schifffahrenden Gruppen nicht verlieren? Bis an den Euphrat bei Karkemisch sind sie offenbar nicht gelangt, denn die Stadt bestand unter ihrer Dynastie fort und konnte sich sogar bis ins südöstliche Kleinasien Einfluss verschaffen. Nach ägyptischer Darstellung haben die Eindringlinge im mittelsyrischen Land Amurru, das ja an die Küste grenzte, ihre Zelte aufgeschlagen, und die biblische Überlieferung weiß zu berichten, dass sie weiter nach Süden vordrangen bis in das Land, das nach den Philistern (ägyptisch Peleset) später den Namen Palästina erhielt. Dort besaßen sie im Küstenbereich feste Städte, und König David hat gegen sie gekämpft. Ob die Zerstörung einiger Seestädte der syrischen Küste, die archäologisch nachgewiesen werden konnte, mit den Aktivitäten der »Seevölker« (der Philister) in Verbindung zu bringen ist, muss ebenfalls dahingestellt bleiben. So ist, auch wenn über die Kultur der Philister durch die Ausgrabung ihrer Siedlungen im heutigen Israel gute Kenntnis erlangt wurde, über ihre Rolle bei den Ereignissen um 1200 v. Chr. doch wenig bekannt.
 
Mehr als die »Seevölker« haben jedenfalls die aus den Randgebieten der syrischen Wüstensteppe in die Kulturländer des »Fruchtbaren Halbmonds« vordringenden Aramäer zu den Wandlungen der politischen Landschaft beigetragen, die das Bild des 1. Jahrtausends v. Chr. dann prägten. Die semitischsprachigen Aramäer erschienen bereits in der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends im Grenzbereich zwischen der Wüstensteppe und dem Kulturland, mit dessen Bewohnern sie verwandt waren. Könige des Mittelassyrischen Reiches haben sich mit ihnen mehrfach auseinander gesetzt, vor allem im Gebiet des mittleren Euphrattales. Dort, wo der archäologische Befund oder sogar Schriftzeugnisse entsprechende Aussagen machen, zeigen sich dann im frühen 1. Jahrtausend die Aramäer politisch aktiv — von Palästina über Nordsyrien und Obermesopotamien bis zur Küste des Persischen Golfs. Sie wurden allmählich zu einem wesentlichen Element der Bevölkerung, die sich schließlich immer mehr des Aramäischen als Mittel der Verständigung bediente. Ob es ein demographischer Druck war, der sich in politisch instabil gewordene Bereiche entlud, oder aber diese Instabilität einfach die Möglichkeit bot, besseren Boden zu erlangen, ist nicht zu sagen. Dabei scheint es in der Tat, als hätten Dürreperioden in dieser Zeit dazu beigetragen, dass die aramäischen Stämme zunehmend ihren bisherigen Lebensraum verließen. Aus dem kleinasiatischen Raum wurden zudem durch die unruhigen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch des Hethiterreichs oder durch Gruppen, die von Westen her zuwanderten (darunter die Phryger), Luwisch sprechende Hethiter aus dem südlichen Kleinasien nach Syrien abgedrängt, wo sie später noch von der biblischen Tradition als »Hethiter« notiert wurden.
 
Diese Völkerbewegungen der »Seevölkerzeit« waren also gleichzeitig Ursache und Folge von Veränderungen; sie waren erfolgreich, da sich die alten politischen und auch wirtschaftlichen Systeme oft als nicht mehr stabil erwiesen, und sie zerstörten ältere Traditionen oder passten sich ihnen an. Es war eine Periode, in der sich zugleich jene Kräfte entwickelten, die in der nunmehr beginnenden Eisenzeit in Vorderasien zu neuen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen führten.
 
Tradition und Innovation an der Wende zur Eisenzeit
 
Entsprechend einer wissenschaftlichen Übereinkunft, die freilich regional und zeitlich korrigiert werden muss, wird das Ende der Bronzezeit Vorderasiens mit etwa 1200 v. Chr. angesetzt. Damit wird auf eine »technische« Veränderung hingewiesen, die sich allmählich bei der Erzeugung des Lebensunterhalts, im Siedlungsraum und auch in den politisch-militärischen Kontakten auswirkte: der zunehmende Gebrauch des Eisens als Werkstoff. Schon in der Bronzezeit ist gelegentlich Eisen verwendet worden, und Dolche mit eisernen Klingen galten als besonders wertvoll. Bei den Hethitern, die bereits die Eisenvorkommen Kleinasiens nutzten, galten die Eisenschmiede mehr als die, die Kupfer verarbeiteten. Es war zunächst die Waffentechnik, die diesen Werkstoff einsetzte. Eiserne Pfeilspitzen waren schwerer als die aus Bronze und verliehen dem Geschoss eine größere Reichweite und Durchschlagskraft; eine oberflächliche Verstählung des Eisens machte Schwerter anderen Hiebwaffen überlegen. Aber auch außerhalb des Militärwesens führte der Gebrauch von Eisen zu einer neuen Qualität: Eiserne Gerätschaften wie Pflugscharen oder Äxte erleichterten den Bodenbau in steinigem Gelände und das Roden des Waldes. So ist es kein Wunder, dass Eisen immer begehrter wurde und die Kontrolle entsprechender Lagerstätten auch bei den Feldzügen eine Rolle zu spielen begann.
 
Eine andere Neuerung, die nach dem oft als »dunkles Zeitalter« bezeichneten Zeitraum am Ende des 2. und Beginn des 1. Jahrtausends die wirtschaftliche und politische Situation Vorderasiens beeinflusste, war die Verwendung des Kamels als Last- und Reittier. Es war schon lange als Wildtier im Vorderen Orient bekannt gewesen, doch erst jetzt gibt es die ersten Hinweise auf das Kamel als Haustier, z. B. in Reliefdarstellungen, die es als Reittier abbilden. Die Folgen dieser Domestikation zeigten sich vor allem in der verbesserten Kommunikation zwischen den verschiedenen Naturräumen des Vorderen Orients: Ein Kamel konnte weit größere Lasten befördern als ein Esel, und es konnte lange Strecken ohne Wasseraufnahme zurücklegen. Es erschloss durch seine Anspruchslosigkeit und vielseitige Verwendung zugleich dem Menschen die wasserarmen Zonen als ständigen Lebensraum. Im Ergebnis einer längeren Züchtung wurde das Kamel dann wesentliche Voraussetzung für das Beduinentum, eine auf die Nutzung wasserarmer Gebiete spezialisierte Wirtschafts- und Lebensform. Für den Handel der frühen Eisenzeit erlangten die Kamele zweifellos bereits Bedeutung, und durch ihre Fähigkeit, länger auf Wasser verzichten und gegebenenfalls sogar brackiges Wasser aufnehmen zu können, haben sie als Lasttiere neue Handelsrouten ermöglicht, die durch die Wüstengebiete führten. Nicht zuletzt die phönikischen Handelsstädte an der südsyrischen Küste haben davon profitiert, und die Entstehung der südarabischen Königtümer jenseits der Arabischen Wüste wurde dadurch zweifellos begünstigt.
 
Auch politisch kam es nach dem Zusammenbruch regionaler Systeme am Ende der Bronzezeit bald wieder zu einem Neubeginn: Es entstand auf dem Territorium der früheren Herrschaftsbereiche eine größere Zahl kleinerer Fürstentümer. Dass wir auch über deren politische Geschichte gewisse Kenntnisse besitzen, verdanken wir nicht zuletzt der keilschriftlichen Überlieferung jener Macht, die sich im Kampf gegen diese Fürstentümer neu etablierte — des Neuassyrischen Reiches.
 
 Das Neuassyrische und das Neubabylonische Reich
 
Die Stammesfürstentümer der Aramäer, deren Dynastien sich auf einen bestimmten Ahnherrn zurückführten, nach dem sie ihre »Häuser« oft benannten, hatten nach der Wende zum 1. Jahrtausend den assyrischen Staat wieder auf sein Kernland am Tigris reduziert. Das war offenbar auch dadurch erleichtert worden, dass die Assyrer die eroberten Territorien nicht durch den Aufbau einer effektiven Verwaltung in ihren Staat integriert hatten, sondern sich mit der Unterwerfung der lokalen Autoritäten und deren Tributleistung begnügten. Die Grenzen assyrischer Macht verliefen entsprechend dem Verhalten der dort ansässigen lokalen Herrscher. Bereits Assur-resch-ischi I. und Tiglatpileser I. hatten sich am mittleren Euphrat mit aramäischen Gruppen auseinander zu setzen. Nun machte sich aramäischer Einfluss in den assyrischen Zentren selbst bemerkbar, und auch babylonisches Territorium wurde von aramäischen Stämmen besetzt. Wie groß der aramäische Einfluss in Mesopotamien war, zeigte sich auch in einer zunehmenden Verwendung der mit dem Assyrisch-Babylonischen verwandten semitischen aramäischen Sprache. Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass im 8. Jahrhundert v. Chr. auch in Assyrien das Aramäische weithin gesprochen und geschrieben wurde. Die entsprechenden Dokumente sind allerdings meist verloren gegangen, da sie vorrangig auf neue, aber vergängliche Schriftträger wie Häute (Pergament) und Papyrus geschrieben worden sind.
 
Macht- und handelspolitische Erwägungen, aber auch Ansprüche, die aus der mittelassyrischen Tradition abgeleitet wurden, stellten die assyrischen Könige zu Beginn des 1. Jahrtausends vor die Aufgabe, die Kontakte vor allem zum ostmediterranen Raum neu herzustellen. Das bedeutete jetzt, dass die auf dem Weg dorthin gelegenen aramäischen Fürstentümer Obermesopotamiens und Syriens unterworfen werden mussten.
 
Etwa ein Jahrhundert nach der Herrschaft des großen Eroberers Tiglatpileser I. weist die inschriftliche Überlieferung wieder auf politisch aktive assyrische Herrscher hin, die mit den Aramäern, aber auch mit den Babyloniern im Süden und den Bergvölkern der Nairiländer im Nordosten kämpften. Assur-dan II. (934—912) wandte sich vor allem den aramäischen Staaten zu, gegen die er in einer Reihe von Feldzügen erfolgreich war. Die Überwindung einer Phase des Niedergangs demonstrierte er auch durch eine erneute Bautätigkeit in der alten Hauptstadt Assur, wobei er unter anderem die Befestigungsanlagen wieder instand setzen ließ. Sein Sohn Adad-nerari II. (911—891) bekämpfte gleichfalls die Aramäer, unternahm aber auch Feldzüge gegen die Nairiländer, die wichtige Rohstofflieferanten für Assyrien waren, sowie gegen Babylonien. Zwischen Vansee und Euphrat errang Assyrien somit wieder Geltung, doch war das Ziel, diese bis zum Mittelmeer auszudehnen, noch nicht erreicht. Die späthethitischen und aramäischen Fürsten Syriens bewahrten bisher ihre Unabhängigkeit. Doch eine Reihe von Kleinstaaten im Euphratbereich bezeugten den Assyrern, die erneut Stärke gezeigt hatten, ihre Unterwerfung. Es war auch Adad-nerari II., der Vorratslager an strategisch wichtigen Punkten anlegen ließ, um weiter reichende Unternehmungen zu erleichtern — ein erster Schritt in Richtung auf eine spätere verwaltungsmäßige Einbeziehung dieser Gebiete.
 
Tukulti-Ninurta II. (890—884) setzte die Politik seines Vaters fort, alte Machtansprüche zu verwirklichen und ein Handelsnetz neu aufzubauen. Sie wurde dadurch begünstigt, dass ihm im nördlichen »Fruchtbaren Halbmond« kein stärkerer Gegner entgegentreten konnte. Überdies waren die einzelnen Fürstentümer dort häufig in Fehden untereinander verwickelt, was den assyrischen Erfolg erleichterte. Das harte Vorgehen gegen sie ließ sich auch mit Verweis auf die früheren Eroberungen begründen; eine Verweigerung der Tributleistung war dann deutliches Zeichen einer Rebellion, die nicht geduldet werden konnte.
 
Der erste Höhepunkt neuassyrischer Macht
 
Auf diesen Anfangserfolgen der Begründer des Neuassyrischen Reiches konnten ihre Nachfolger aufbauen. Assurnasirpal II. (883—859) hat in zahlreichen Inschriften über seine Kriegstaten berichtet, und die Reliefs aus seinem großen Palast in der neuen Residenzstadt Kalchu (heute die 35 km südlich von Mosul gelegene Ruinenstätte Nimrud) illustrieren in beeindruckender Weise und mit politischer Absicht seine Erfolge. Tausende von Würdenträgern des Reiches und anderer Länder wurden, nachdem die stark befestigte Residenzstadt in kurzer Zeit fertig gestellt worden war, zu einem großen Bankett eingeladen. Eine Inschrift führt dabei nicht nur die prominentesten Teilnehmer auf, sondern auch die Menge an Speisen, die dabei verzehrt wurden.
 
Die enormen Mittel und auch die Arbeitskräfte, die für diese Bauten notwendig waren, kamen zum Teil aus den unterworfenen Gebieten. Assurnasirpal führte zudem Beutezüge gegen die nordöstlichen Bergländer, in denen sich zwischen Vansee und Sewansee ein neuer und starker Staat entwickelt hatte, Urartu. Sein Hauptinteresse galt zunächst aber wiederum den Routen, die zur Mittelmeerküste verliefen und bereits während des Mittelassyrischen Reiches zeitweilig kontrolliert worden waren. Das assyrische Heer setzte über den Euphrat, empfing den Tribut des Königs von Karkemisch sowie anderer syrischer Fürsten und erreichte schließlich das Ziel: die Meeresküste. Wie schon von seinen erfolgreichen Vorfahren wurde hier das Ritual des Waschens der Waffen im Meer vollzogen. Eine Reihe von phönikischen Städten beeilte sich, die Assyrer durch die Übersendung von Geschenken davon abzuhalten, mit militärischer Gewalt auch gegen sie vorzugehen. Schließlich wandte sich Assurnasirpal II. dem mittleren Euphrat südlich des Zuflusses Khabur zu, wo aramäische Fürsten rebelliert hatten. Da wichtige Wege durch das Khaburgebiet in Richtung Syrien und Küste verliefen, ging der assyrische König mit aller Härte gegen sie vor. Die in Wort und Bild überlieferten Strafmaßnahmen setzten Zeichen für alle, die es wagen sollten, sich Assyrien künftig zu widersetzen. Es wurde aber auch deutlich, dass die assyrische Macht in den eroberten Gebieten ständig präsent sein musste. So wurden Garnisonen eingerichtet, aus denen sich später Verwaltungszentren mit assyrischen Gouverneuren entwickelten.
 
Salmanassar III. (858—824), Sohn und Nachfolger Assurnasirpals, schob insbesondere in Syrien die Grenzen seines Reiches noch weiter vor. Doch hier traf er nun auf energischen Widerstand einer Allianz von Fürstentümern, der vor allem von den Königen von Hamath und Damaskus organisiert wurde; auch Israel gehörte diesem Bündnis an. Bei Karkar am Orontes kam es im Jahr 853 v. Chr. zur Schlacht. Obwohl der assyrische König in seinen Inschriften seinen Sieg rühmt, wurde sein weiterer Vormarsch gestoppt. Die Koalition hat, solange sie bestand, Salmanassar noch mehrfach erfolgreich Widerstand leisten können. Als sie dann infolge innerer Auseinandersetzungen zerfiel, gelang es Salmanassar, bis nach Damaskus vorzustoßen, ohne jedoch die feste Stadt selbst einnehmen zu können. Auf dem Karmelvorgebirge am Mittelmeer errichtete er eine Siegesstele. Sowohl die phönikischen Zentren Tyros und Sidon als auch Israel nahmen die Nähe des assyrischen Heeres zum Anlass, Salmanassar ihren Tribut zu senden. Jehu von Israel erschien sogar persönlich vor dem assyrischen Herrscher und warf sich ihm zu Füßen — so jedenfalls ist es schriftlich und bildlich auf einer Stele dargestellt, die wegen der dunklen Farbe ihres Steins »Schwarzer Obelisk« genannt wird.
 
In den Bergländern östlich des Tigris hatten die assyrischen Feldzüge zwar zu zeitweiligen Erfolgen geführt. Das wegen seiner hohen Berge, tiefen Schluchten und seinem damals noch reichen Waldbestand schwer kontrollierbare Land konnte jedoch nicht dauerhaft unterworfen werden. Das urartäische Königtum vermochte sich sogar weiter zu konsolidieren und bis in das Gebiet des Urmiasees auszudehnen. Obwohl die Heere Salmanassars Siege errangen und reiche Beute nach Assyrien brachten, darunter vor allem Pferde, wie sie als Bespannung der Kampfwagen sowie für die Reitertruppe benötigt wurden, blieb Urartu ein gefährlicher Gegner Assyriens. Auch Babylonien, das bei einer inneren Kontroverse assyrische Hilfe in Anspruch nahm, konnte seine Selbstständigkeit bewahren.
 
Beute und Tribute sowie die Deportation einer großen Zahl von Arbeitskräften in assyrisches Gebiet ermöglichten Salmanassar den weiteren Ausbau der Residenzstadt Kalchu, zu deren Sicherung er ein stark befestigtes Fort anlegte. Auch für Assur und in Ninive ist seine Bautätigkeit durch Inschriften überliefert. Viele Reliefs illustrieren und preisen zudem seine ruhmreiche Herrschaft. Dazu gehören auch jene, die der König auf bronzenen Bändern auf Tempeltoren der unweit von Nimrud gelegenen Stadt Imgur-Enlil (heute Balawat) anbringen ließ. Ein besonderes historisches Ereignis seiner Zeit ist auf der Steinbasis seines Throns in Kalchu wiedergegeben: Salmanassar und der babylonische König Marduk-zakir-schumi reichen sich die Hände.
 
Ein Rückschlag: Innere Krise und urartäische Macht
 
Im Armenischen Hochland, im Bereich der großen Seen von Van, Sewan und Urmia, war in dem von älteren assyrischen Königen Nairi genannten Gebiet ein Staat entstanden. Vielleicht hat die Bedrohung durch Assyrien sogar dazu beigetragen, dass sich um die Mitte des 9. Jahrhunderts v. Chr. die einzelnen Stämme unter einem König zusammenschlossen. Grundlage ihrer Lebensweise waren der Bodenbau (der Boden wurde oft durch geschickt in felsigen Untergrund geschlagene Kanäle bewässert) sowie Viehzucht und Nutzung der natürlichen Rohstoffe, vor allem des Eisens. Im späten 9. Jahrhundert errichtete König Sarduri I. seine Burg auf einem Felsen am Vansee. Wenig später begann unter Menua (um 800 v. Chr.) eine Expansion des urartäischen Territoriums, das im Süden schließlich bis an die Grenzen Assyriens reichte.
 
Der Einfluss Urartus erfasste auch Obermesopotamien und das nördliche Syrien, und einige Fürsten sahen jetzt die Möglichkeit, sich der assyrischen Herrschaft zu entziehen. Babylonien nutzte ebenfalls die Situation, sein Verhältnis zu Assyrien unabhängiger zu gestalten. Hinzu kam, dass bereits zu Lebzeiten Salmanassars innere Konflikte Assyrien erschütterten, die noch zur Zeit seines Sohnes Schamschi-Adad V. (823—811) andauerten. Einfälle assyrischer Truppen in urartäisches Gebiet brachten offenbar keinen dauerhaften Erfolg. Erst als die innere Stabilität wiederhergestellt war, konnte Schamschi-Adad darangehen, die assyrische Vorherrschaft zunächst in Mesopotamien zu sichern. Mehrfach führte er seine Truppen nach Babylonien; assyrische Texte wissen zu berichten, dass er dabei erfolgreich war und ein Grenzabkommen erreichte. Als er starb — sein mit einer Inschrift versehener Sarkophag wurde bei den Ausgrabungen in Assur entdeckt —, hinterließ er ein immer noch sehr geschwächtes und territorial reduziertes Königreich.
 
Adad-nerari III. (810—783), der in seinen frühen Regierungsjahren stark von seiner Mutter Sammu-ramat (griechisch Semiramis) beeinflusst wurde, musste seine militärische Aktivität zunächst auf die Wiedergewinnung Syriens richten, das über die Häfen an der Küste verfügte und im überregionalen Austausch eine große Rolle spielte. Er gelangte dabei bis Damaskus und empfing dort Tribute, unter anderem von König Joas von Israel, der damit die in seine Nähe gerückten Assyrer von seinem Land fern halten wollte. Dennoch können diese Siege Adad-neraris ebenso wie seine erfolgreichen Unternehmungen in Richtung Babylonien nicht darüber hinwegtäuschen, dass die assyrische Herrschaft noch auf schwachen Füßen stand. Die unterworfenen Fürsten und Stadtherren sandten zwar ihre Tribute, blieben aber sonst praktisch unabhängig. Es wurde immer deutlicher, dass ohne eine ständige militärische Präsenz und eine Einbeziehung der unterworfenen Gebiete in die assyrische Verwaltungsstruktur diese Länder kein fester Teil des Reiches waren.
 
Hatte Adad-nerari einerseits militärische Erfolge in Syrien und Babylonien zu verzeichnen, so konnte er andererseits das weitere Erstarken des urartäischen Staates im transkaukasischen Hochland nicht verhindern. Urartu dehnte seinen Einfluss bis in das nördliche Syrien aus, wo einige Fürsten sich von Assyrien lossagten. Damit lag das Machtgebiet Urartus im Norden Assyriens wie ein Riegel vom nördlichen Gebirgsland fast bis zur Küste des Mittelmeers. Mehr noch: Assyrien wurde sogar in seinem Kernland am oberen Tigris bedroht, und Kämpfe mit Urartu prägten daher auch in der Folgezeit die Politik Assyriens.
 
Auf dem Weg zum Großreich
 
Als Tiglatpileser III. (744—727) den Thron bestieg, war Assyrien an einem neuen Tiefpunkt seiner Geschichte angelangt. Der König vermochte jedoch eine Wende herbeizuführen und eine Periode einzuleiten, die Assyrien an die Spitze der vorderasiatischen Mächte brachte. Zunächst unternahm er eine Reihe von Feldzügen nach Nordsyrien, wo vor allem Arpad, die Hauptstadt des Fürstentums Bit Agusi, das die wichtigen Ackerebenen und Durchgangswege zum Mittelmeer kontrollierte, sein Ziel war. Seine Siege erzwangen die Unterwerfung und Tributleistung der Fürstentümer, die sich zuvor Urartu zugewandt hatten. Aber es trafen auch Geschenke der Fürsten von Hamath und Damaskus, Byblos und Tyros sowie von Samaria (in Israel) ein. Von den mit Gewalttaten und Deportationen verbundenen assyrischen Feldzügen geben die Palastreliefs ein eindrucksvolles, freilich auch auf Wirkung vor allem bei den auswärtigen Abgesandten bedachtes Bild; diese Feldzüge haben denn auch in der Folgezeit immer wieder zumindest zu einem Lippenbekenntnis der Unterwerfung und zu Geschenksendungen geführt, die vonseiten Assyriens als Tribute entgegengenommen wurden.
 
Um die eroberten Gebiete fester in das Reich einzubeziehen, begann Tiglatpileser damit, das bisherige Stützpunktsystem mit Militärgouverneuren durch Provinzen unter assyrischen Beamten zu ersetzen. Deren Aufgabe war es, vor Ort für Ruhe und Ordnung in assyrischem Sinne zu sorgen, Abgaben einzuziehen und die Bereitstellung von Truppen und Arbeitskräften zu sichern. Die einzelnen Stadtherren waren diesen Provinzgouverneuren untergeordnet. Auch das assyrische Kernland wurde nun in kleinere Verwaltungseinheiten unterteilt, wohl in der Erkenntnis, dass sich kleinere Bereiche besser verwalten ließen und ihre Verwalter für die Krone relativ ungefährlich waren. Dieses Prinzip wurde dann unter den Nachfolgern Tiglatpilesers weitergeführt, und es entstand allmählich das, was als ein Großreich im eigentlichen Sinne bezeichnet werden kann. Dabei spielten auch zwei weitere Faktoren eine Rolle: Einmal kam es durch die rigorose Deportationspolitik Assyriens, bei der zahlreiche Familien in andere Reichsteile umgesiedelt wurden, zu einer stärkeren Vermischung der Bevölkerung, womit sich auch das Risiko eines »nationalen« Aufstands verringerte. Zum anderen aber wurde damit, bewusst oder unbewusst, auch eine sprachliche Vereinheitlichung gefördert: Das Aramäische setzte sich als Umgangssprache weithin durch, während das Babylonisch-Assyrische im Wesentlichen in den offiziellen Inschriften, in der überregionalen Korrespondenz und in den Gelehrtenschulen gepflegt wurde. Für die heutige Forschung war es einerseits ein Nachteil, dass die weitgehend vergänglichen Träger der aramäischen Schrift eine Lücke entstehen ließen; andererseits stehen wenigstens die offiziellen, wenngleich stark tendenziösen Texte zur Verfügung sowie das, was in den Schreiberschulen an Traditionen erhalten blieb.
 
Obwohl sich diese Tendenzen zur Zeit Tiglatpilesers III. erst in ihren Anfängen zeigten, werden sie nun doch deutlich erkennbar. Dazu gehört ferner, dass bei der Ausdehnung des Reiches und den immer wieder ausbrechenden Aufständen in seinen Teilregionen die Truppenführer auch in der Politik an Bedeutung gewannen, umso mehr, als sich der Charakter des Heeres allmählich veränderte. Denn es war notwendig, dass neben das Aufgebot an wehrfähigen Landesbewohnern Einheiten traten, die ständig unter den Standarten gehalten wurden. Ein Grund dafür waren die Fortschritte in der Militärtechnik und spezielle Kenntnisse, wie man sie etwa bei der Überquerung von Flüssen, der Unterminierung und Einrammung von Festungsmauern sowie in der Kavallerie benötigte. Söldner spielten überdies eine Rolle im Heer, weil man sie unbedenklicher auch innerhalb des Reiches einsetzen konnte. Es blieb nicht aus, dass Militärführer auch außerhalb des Heeres, vor allem in der Provinzverwaltung, eine Rolle spielten. Assyrien war auf dem Wege zum Militärstaat.
 
Bis es dahin kam, war es jedoch ein längerer Weg. Um 741/740 jedenfalls wurde das nordsyrische Fürstentum Bit Agusi assyrische Provinz, in der Hauptstadt Arpad residierte fortan ein assyrischer Gouverneur. Bis zum Jahr 738 wurden noch weitere syrische Provinzen eingerichtet, darunter auch die handelspolitisch und strategisch wichtige Küstenprovinz, die von Sumur/Simirra (wohl das heutige Tell Kazel in der Akkarebene) aus regiert wurde. Mit diesen Maßnahmen wurde zugleich dem politischen Druck von Urartu auf den syrischen Norden entgegengewirkt, aber auch dem Einfluss Ägyptens.
 
Nach diesen Erfolgen seiner ersten Regierungsjahre, die deutlich die Hauptrichtung des assyrischen Interesses anzeigten, wandte sich Tiglatpileser dem Königreich Urartu zu. Trotz des für die Assyrer sehr schwierigen Geländes, dessen Bewältigung in den Inschriften immer wieder wie eine sportliche Leistung hervorgehoben wird, konnte eine urartäische Armee geschlagen werden. Damit wurde Assyrien wenigstens zeitweilig von dem Druck befreit, den dieser Staat auf das nördliche Mesopotamien ausgeübt hatte. Beseitigt wurde Urartu dadurch jedoch nicht, sondern es bestand als starker Rivale Assyriens bis in jene Zeit fort, als die Meder im späten 7. Jahrhundert beiden Reichen ein Ende bereiteten.
 
Tiglatpileser hatte jedenfalls nun den Rücken frei, um weiter nach Syrien vorzustoßen. Im Jahr 734 v. Chr. erreichte er über Phönikien Palästina. Gaza wurde erobert und zu einem Handelszentrum gemacht, das vor allem eine Brücke nach Ägypten schlagen sollte. Nicht nur Damaskus, sondern auch die miteinander streitenden Staaten Israel und Juda waren nun in höchster Gefahr. Diese neue Situation hat dazu beigetragen, dass die militärischen Aktivitäten der Assyrer auch ihren Widerhall in der biblischen Tradition fanden, die neben der propagandistischen Berichterstattung durch die assyrischen Könige selbst nun zu einem weiteren wichtigen, freilich ebenfalls nicht von Verzerrungen freien historischen Zeugnis assyrischer und babylonischer Geschichte wird.
 
Dabei wird auch auf ein Ereignis Bezug genommen, über das die assyrischen Quellen selbst nur knapp informieren, das aber zweifellos einen Höhepunkt der Feldzüge Tiglatpilesers darstellte: die Einnahme von Damaskus im Jahr 732 v. Chr. Die Eroberung dieser bedeutenden Oasenstadt konnte von den Assyrern auch als eine Hilfeleistung für König Ahas von Juda dargestellt werden — falls die biblische Tradition zutrifft, dass dieser den assyrischen König tatsächlich selbst zu Hilfe rief, als er von Israel und Damaskus bedrängt wurde. Nach dem Sieg richtete Tiglatpileser auf dem zuvor von Damaskus beherrschten südsyrischen Gebiet vier assyrische Provinzen ein; auch hier strebte er danach, größere Verwaltungsgebiete durch kleinere zu ersetzen. Die Ausdehnung assyrischen Territoriums bis in das wichtige Hinterland der phönikischen Seestädte ließ es diesen angeraten erscheinen, sich durch Wohlverhalten und Geschenke mit Tiglatpileser zu arrangieren. Es bedeutete zugleich, dass Assyrien nun näher an das Gebiet unmittelbarer ägyptischer Interessen herangerückt war.
 
Auch bei seinen Unternehmungen gegen Babylonien konnte sich Tiglatpileser offenbar darauf berufen, einem rechtmäßigen Herrscher zu helfen. Nach dem Tod des assyrischen Schützlings Nabu-nasir aber brach eine Revolte aus, die von einem gewissen Mukin-zer angeführt wurde, der den vielleicht aramäischen Chaldäern zugehörte. Als den Assyrern endlich die Niederwerfung des Aufstandes gelungen war, bestieg Tiglatpileser selbst den Thron Babylons. Erstmals waren damit Assyrien und Babylonien, die beiden wichtigsten mesopotamischen Staaten, durch eine Personalunion miteinander verbunden.
 
Jedoch gab es Probleme: Die Bevölkerung Babyloniens, die sich vor allem aus alteingesessenen Landesbewohnern, Chaldäern und aramäischen Gruppen sowie Elamern zusammensetzte, war in eine proassyrische und eine antiassyrische Partei zerstritten. Die Assyrer versuchten zwar, durch die Begünstigung von babylonischen Städten und Würdenträgern die eigene Position im Lande zu stärken, doch zeigte es sich schon gegen Ende der Regierung Tiglatpilesers III., dass sich viele dem Chaldäer Marduk-apla-iddina, der in der Bibel Merodachbaladan genannt wird, zuwandten. Dieser war, als er seinen Kampf um die Macht in Babylonien begann, der Anführer des Stammes Bit-Jakin. Er nutzte die Zeit, als sich Assyrien unter Salmanassar V. (726—722) vor allem Syrien-Palästina zuwandte und schließlich eine Palastrevolution ausbrach. Wie es heißt, soll es Salmanassar gewagt haben, die Kultstadt Assur mit einer Dienstleistungspflicht zu belegen. Das gab der Opposition Anlass, gegen den König vorzugehen. Salmanassar wurde getötet, und wenig später, im Jahr 721, erklärte sich Marduk-apla-iddina zum König von Babylonien. Die Union Assyriens mit Babylonien war wieder auseinander gebrochen. Die Assyrer vermochten sich während des folgenden Jahrzehnts nicht um eine Lösung dieser babylonischen Frage zu kümmern; denn es gab wiederum Auseinandersetzungen in den unterworfenen syrischen Territorien.
 
Assyriens machtpolitischer Zenit
 
Sargon II. (721—705), der durch die Revolte gegen Salmanassar V. zur Macht kam, dürfte vor allem die Unterstützung des Heeres besessen haben. Als er den Thron bestieg, nahm er den gleichen Namen an, den der bereits von der Legende verklärte große Eroberer Sargon von Akkad getragen hatte. Scharru-kenu, was in der späteren Überlieferung zu Sargon wurde, bedeutete eigentlich »wahrer König«; gerade deshalb wurde dieser Name auch von Sargon II. gewählt, der wie sein Vorbild nicht durch legitime Thronfolge zur Macht gelangt war. Doch er stellte sich ganz in die Tradition der Dynastie, der er vielleicht verwandtschaftlich verbunden war; er bestrafte sogar die Rebellen gegen Salmanassar, durch dessen Sturz er auf den Thron gekommen war. Allein 6300 dieser Aufrührer wurden in das mittelsyrische Hamath deportiert und dort angesiedelt. Eine Koalition von aufständischen syrischen Fürsten, deren Herrschaftsgebiete noch nicht assyrische Provinzen geworden waren, wurde von Sargon im Jahr 720 v. Chr. geschlagen — wiederum, wie schon zur Zeit Salmanassars III., bei Karkar am Orontes. Im Jahr 717 fiel dann als letztes selbstständiges Fürstentum des syrischen Binnenlandes Karkemisch am Euphrat; es wurde assyrische Provinz. Das Assyrische Reich dehnte sich im Westen bis nach Zypern aus, wo Sargon eine Stele mit seinem Bildnis errichten ließ, sowie nach erfolgreichen Kämpfen in Palästina bis zur Grenze Ägyptens. Damit standen sich nunmehr die beiden bedeutendsten Mächte des Vorderen Orients, Assyrien und Ägypten, unmittelbar gegenüber. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis es zu einem militärischen Konflikt kommen würde.
 
In den Gebirgsländern nordwestlich und nordöstlich Assyriens sah sich Sargon vor allem zwei starken Feinden gegenüber: in Kleinasien den Phrygern, deren östliche Gruppe in assyrischen Texten als Muschki erscheint, sowie in Transkaukasien den Urartäern. Erstere wurden von ihrem König Mita, dem Midas der griechischen Tradition, angeführt. Sargon konnte sein Territorium im östlichen Kleinasien ausdehnen und dann offenbar Frieden mit Mita herstellen.
 
Auch gegen den urartäischen König Rusa I. erzielte Sargon einen Erfolg. Er selbst berichtet darüber in einem als Brief an den Gott Assur formulierten, 430 Zeilen langen Text. Dabei werden auch die großen Schwierigkeiten dargestellt, die das assyrische Heer in der für sie ungewohnten Bergwelt überwinden musste. Auf engen Pfaden, an steilen Hängen und über zahlreiche reißende Flüsse musste marschiert werden, bis man am Berg Uausch jenseits des Urmiasees auf das Hauptheer des Gegners traf. In einem Überraschungsangriff konnte das urartäische Heer geschlagen werden, und der urartäische König Rusa selbst entkam nur mit Mühe einer Gefangennahme. Zahlreiche Siedlungen wurden nun verwüstet und niedergebrannt. Das urartäische Kultzentrum Musasir wurde erobert, wobei Sargon eine umfangreiche Beute in die Hände fiel. Allein 50 Zeilen des Textes widmen sich ihrer Beschreibung; mit bürokratischer Genauigkeit werden mehr als 3,34 Millionen Gegenstände als Beutestücke verzeichnet. Sie vermitteln zugleich einen Eindruck von der reichen Ausstattung des lokalen Palastes und des Tempels des Staatsgottes Haldi. Die besonders wertvollen Objekte aus Gold und Silber wurden bei ihrer Notierung genau gewogen; allein aus dem Palast wurden 34 Talente und 18 Minen Gold, das sind etwa 1040 kg bzw. mehr als 1t, sowie 167 Talente und 21/2 Minen Silber, das heißt mehr als 5t, geraubt. Aus dem Schatz des Halditempels kamen noch einmal etwa 5t Silber dazu sowie 3600 Talente Bronze in Form von Barren, das sind mehr als 108t. Ferner nennt die Beuteliste Möbel aus Elfenbein sowie Buchsbaum- und Ebenholz und kostbare Gewänder. Was die Verluste an Truppen angeht, so werden diese für das assyrische Heer mit nur einem Wagenkämpfer, zwei Reitern und drei Kurieren angegeben, was wohl kaum der Wahrheit entsprochen haben dürfte. König Rusa soll sich aus Verzweiflung über seine Niederlage mit seinem Eisenschwert selbst den Tod gegeben haben, worüber allerdings im »Gottesbrief« selbst nichts berichtet wird. Urartu, das sich zu dieser Zeit auch der Angriffe der Kimmerier erwehren musste, die aus den südrussischen Steppen bis in den südlichen Kaukasus vorgedrungen waren, stellte künftig für Assyrien keine Bedrohung mehr dar.
 
Sargon konnte sich nun ganz auf die erneute Unterwerfung Babyloniens konzentrieren, wo der Chaldäer Marduk-apla-iddina 721, zur Zeit des Vorgängers Sargons, den Thron bestiegen hatte. Marduk-apla-iddina brachte ein Bündnis aus Babyloniern, Chaldäern und Aramäern zusammen und suchte bei Elam, das 720 Sargon eine Niederlage bereitete, und dann bei arabischen Gruppen sowie dem König von Juda Unterstützung. Erst im Jahr 710, nach seinen Erfolgen in Syrien, Anatolien und gegen Urartu, marschierte Sargon nach Babylonien. Er vermochte Marduk-apla-iddina vom Thron zu verjagen, wobei er offenbar von der Elite der babylonischen Städte unterstützt wurde. Er zog in Babylon ein und ließ sich dort zum König krönen. Dur-Jakin, der Hauptort des chaldäischen Stammes, dem Marduk-apla-iddina zugehörte, wurde von 709 bis 707 belagert. Schließlich nahm Sargon die Stadt ein und vertrieb seinen Gegner, aber es war dennoch nicht das letzte Mal, dass sich die Assyrer mit diesem chaldäischen Fürsten auseinander setzen mussten.
 
Die Feldzüge Sargons sind auf zahlreichen Reliefs dargestellt, die er an den Wänden seines riesigen Palastes in der neuen Residenzstadt Dur-Scharrukin (»Sargonsfestung«) anbringen ließ. Die Stadt (heute die Ruinenstätte Khorsabad), etwa 16 Kilometer nördlich von Ninive (bei Mosul), wurde mit Tempeln ausgestattet und durch eine mächtige Mauer mit sieben Toren geschützt. Deportierte aus den verschiedenen Teilen des Assyrischen Reiches wurden mit ihren Familien in der Stadt angesiedelt, die jedoch nicht lange Königsresidenz blieb: Sargons Nachfolger Sanherib ließ das traditionsreiche Ninive zu seiner Hauptstadt ausbauen.
 
Höhepunkt und Fall des Assyrischen Reiches
 
Sargon hatte das Assyrische Reich nicht nur wiederhergestellt und durch neue Provinzen vergrößert, sondern es offenbar auch im Innern stabilisiert. Seine Nachfolger Sanherib, Asarhaddon und Assurbanipal regierten das größte Reich, das Vorderasien bis dahin hervorgebracht hatte; sie waren aber auch seine letzten großen Herrscher.
 
Sanherib (704—681) ist vor allem durch seine militärischen Unternehmungen in Palästina in die historische Überlieferung eingegangen, zu der nun auch wesentlich die biblischen Berichte beitrugen. Denn Jerusalem, Hauptstadt von Juda und regiert von König Hiskia, verweigerte, ermutigt durch ein Bündnis mit den Ägyptern und den Äthiopiern, dem Assyrer die Anerkennung. Sanherib erschien daraufhin in Palästina und schlug ein ägyptisch-äthiopisches Heer, das Hiskia zu Hilfe gekommen war. Dann belagerte er die feste Stadt Jerusalem, die jedoch einer gewaltsamen assyrischen Eroberung entging; Sanherib akzeptierte den reichen Tribut, den ihm Hiskia schickte. Viele andere Städte Judas, darunter Lachis, wurden jedoch erobert, geplündert und zerstört. Inzwischen hatte sich ein neues äthiopisches Heer formiert; es stellte sich den Assyrern zum Kampf, doch die assyrische Armee zog sich plötzlich zurück — ein Ereignis, das in der Bibel als Eingreifen eines Engels des Herrn verstanden wurde, der auf das Lager der Assyrer mit seinem Schwert niedergefahren sei.
 
Sanherib hatte von seinem Vater Sargon auch die Würde eines Königs von Babylon geerbt. Er fand aber dort Widerstand bei einem alten Feind Assyriens, Marduk-apla-iddina, der sogar für neun Monate noch einmal den Thron Babylons besteigen konnte. Beim mittelmesopotamischen Kisch kam es im Jahr 703 zur Schlacht. Marduk-apla-iddina und seine Bundesgenossen wurden besiegt, und Sanherib machte einen gewissen Bel-ibni zum König, der als Sohn eines Hofbeamten aufgewachsen war; dessen Name bedeutet wörtlich »der Herr hat mich geschaffen« und spielt somit vielleicht auf den Gunstbeweis Sanheribs an. Erst um 700 konnte Marduk-apla-iddina jedoch endgültig aus Babylonien vertrieben werden; er floh nach Elam, wo er später offenbar starb.
 
Für Babylon war dann das Jahr 689 v. Chr. ein Schicksalsjahr. Gemeinsam mit anderen Städten hatte es sich gegen Sanherib erhoben, wurde jedoch daraufhin eingenommen und zerstört. Wie berichtet wird, wurden alle Bewohner getötet oder aus der Stadt vertrieben. Nachdem Sanherib aber bei einer Verschwörung eines oder mehrerer seiner Söhne ermordet worden war und sein Sohn Asarhaddon den Thron bestiegen hatte, wurde die Stadt wiederhergestellt und mit ihren alten Heiligtümern ausgestattet.
 
Asarhaddon (680—669) zeichnete sich unter den assyrischen Herrschern durch ein besonderes Interesse an den Künsten und der Religion aus. Er baute die alte Kultur- und Kultstadt Babylon wieder auf, womit wohl zugleich die Babylonier von neuen Rebellionen abgehalten werden sollten. Unter seiner Regierung erlangte das Assyrische Reich sogar eine noch größere Ausdehnung: Nach einem zunächst erfolglosen Versuch konnte im Jahr 671 Unterägypten erobert werden. Drei Schlachten mussten geschlagen werden, dann wurde Memphis, die Residenz des Pharaos, eingenommen. Als Asarhaddon einen zweiten Ägyptenzug unternahm, um seine Herrschaft am Nil zu festigen, starb er unterwegs.
 
Zur Zeit Asarhaddons war das Aramäische, wie oben ausgeführt, längst zur eigentlichen Umgangssprache in Mesopotamien geworden; Angehörige der Königsfamilie zumindest trugen aramäische Namen. Asarhaddons Mutter führte neben ihrem assyrischen Namen zugleich einen aramäischen, Nakia. Sie übte großen Einfluss auf ihren Sohn aus und blieb auch noch zur Zeit ihres Enkels Assurbanipal eine dominierende Persönlichkeit. Ein anderer ihrer Enkel, Schamasch-schum-ukin, wurde nach einer noch von Asarhaddon getroffenen Entscheidung König von Babylon. Vielleicht war das ein Entgegenkommen gegenüber der babylonischen Bevölkerung und entsprach der Ehrfurcht des assyrischen Königs vor der alten babylonischen Kultur, der auch Assyrien verpflichtet war. Politisch hat sich diese 672 getroffene Regelung als verhängnisvoll erwiesen; sie führte zu einem Bürgerkrieg, der das Assyrische Reich schwächte.
 
Assurbanipal (668—627) nahm 667 wiederum Memphis ein, bestrafte die Rebellen und bestimmte neue assyrische Gouverneure für Ägypten. Es kam jedoch zu einem weiteren Aufstand, bei dem die Ägypter nochmals die Äthiopier als Verbündete gewinnen konnten. Assurbanipal entsandte eine Armee, die nicht nur Memphis wiedereroberte, sondern sogar den Nil aufwärts bis in das ferne Theben marschierte. Damit war die größte territoriale Ausdehnung des assyrischen Imperiums erreicht; sie hatte allerdings nicht lange Bestand. Denn Assurbanipal musste sich auf neue Gegner konzentrieren, was Ägyptens Streben nach Befreiung von assyrischer Herrschaft und neuer Selbstständigkeit begünstigte. Im Jahr 655 schließlich wurden die Assyrer von Pharao Psammetich aus Ägypten vertrieben.
 
Die neuen Widersacher des assyrischen Königs waren Babylonien und das mit diesem verbündete Elam. 652 v. Chr. brach ein Bruderkrieg aus: Schamasch-schum-ukin von Babylon wandte sich gegen Assurbanipal. Der Aufstand dauerte mehrere Jahre; zwei Jahre lang belagerte das assyrische Heer Babylon, dessen Bevölkerung zunehmend unter Hunger zu leiden hatte. Schließlich wurde die Euphratmetropole eingenommen, wobei Schamasch-schum-ukin in seinem brennenden Palast den Tod fand. Nun konnte sich Assurbanipal an Elam rächen, gegen das er eine Reihe von Feldzügen führte, bei denen Elams Städte zerstört wurden. Die Entscheidungsschlacht fand 639 am Fluss Ulai (dem heutigen Karun) statt; Assurbanipal hat darüber in Wort und Bild ausführlich berichtet. Der König von Elam wurde gefangen genommen, dann getötet; noch Jahre später diente sein abgetrenntes Haupt dem Assyrerkönig zum Zeichen seines größten Triumphes. Die elamische Hauptstadt Susa wurde nach der Schlacht erobert. Reliefs, die bei den Ausgrabungen im Nordpalast Assurbanipals in Ninive entdeckt wurden, widmen sich ausführlich diesem Ereignis. Einige Jahrzehnte später jedoch wurde Ninive von Feinden erobert. Auch der Palast Assurbanipals wurde dabei zerstört; Erde überdeckte ihn und bewahrte so auch seine zahlreichen Reliefs, bis im 19. Jahrhundert Ausgrabungen einsetzten.
 
Nicht nur militärische Ereignisse hat Assurbanipal auf seinen teilweise farbig bemalten Reliefs darstellen lassen, die in verschiedenen Bildfolgen ganze Handlungsabläufe zeigen. Der König war ein begeisterter Jäger, und insbesondere Löwen, die besondere Jagdbeute der Herrschenden, wurden auf der Jagd getötet. Die Reliefs zeigen vor allem bei den Tierbildern eine bis ins Detail exakte Darstellung. Schließlich sei den Facetten in der Persönlichkeit des letzten bedeutenden Assyrerkönigs noch die des Gelehrten hinzugefügt: Er konnte schreiben, sogar das ehrwürdige Sumerische lesen und war an der literarischen Überlieferung interessiert, für die er in Ninive eine Bibliothek zusammentragen ließ. Vieles von dem, was wir heute über die assyrische und babylonische Kultur wissen, verdanken wir dieser Sammlung an Keilschrifttexten. Sie überdauerte die Jahrtausende, weil sie auf Tontafeln geschrieben war, die selbst Feuersbrünste überstehen konnten.
 
Im Jahr 614 eroberten die verbündeten Truppen der Babylonier und der im iranischen Bergland beheimateten Meder die Stadt Assur. 612 ergab sich nach dreimonatiger Belagerung Assyriens letzte und prächtigste Hauptstadt, Ninive. Der assyrische König flüchtete nach Obermesopotamien und nahm dort in der Stadt Harran seine Residenz, wurde dann aber von den Truppen des babylonischen Königs Nabopolassar besiegt. Die entscheidende Schlacht gegen den restlichen Teil Assyriens, das nun von den ehemals gegnerischen Ägyptern unterstützt wurde, fand 605 v. Chr. bei Karkemisch am Euphrat statt. Der siegreiche babylonische Heerführer war ein Sohn Nabopolassars, Nebukadnezar, der wenig später den Thron Babylons bestieg. Das Ende Assyriens war der erneute Aufstieg Babyloniens.
 
Das Neubabylonische Reich Nebukadnezars II.
 
Das von biblischen Propheten beschworene und von vielen Völkern Vorderasiens zweifellos bejubelte Ende des Assyrischen Reiches brachte nur für kurze Zeit die Freiheit von fremder Oberherrschaft. Nabopolassar, ebenso wie Marduk-apla-iddina chal- däischer Herkunft, hatte bereits in Babylonien erfolgreich gegen die assyrischen Oberherren gekämpft und war dabei zum König von Babylon aufgestiegen (625—605). Durch die Rücksendung der Götterstatuen, die die Assyrer aus dem Königreich Elam weggeführt hatten, festigte er das Bündnis mit diesem Land, das durch die assyrischen Angriffe entscheidend geschwächt worden war. Es gelang ihm überdies, die Assyrer zu zwingen, sich immer weiter nach Norden zurückzuziehen. Mit der Ausweitung seiner Macht entstanden im Vorderen Orient neue Koalitionen. Mit ihm verbündeten sich die Meder, was nach altem Brauch durch eine dynastische Hochzeit betont wurde: Ein Sohn Nabopolassars wurde mit einer medischen Prinzessin verheiratet. Durch den Vorstoß der Babylonier nach Norden waren die Ägypter alarmiert. Sie stellten sich auf die Seite der schwachen, für sie nicht mehr gefährlichen Nachfolger Assurbanipals, die nur noch einen kleinen Teil Obermesopotamiens regierten. Ägypten konnte aber nicht verhindern, dass Nabopolassar das Erbe Assyriens in Vorderasien antrat. Dieser nahm im Bündnis mit den Medern zunächst die alte Haupt- und Kultstadt Assur ein, im Jahr 612 dann die assyrische Residenz Ninive. Als die babylonischen Truppen dort den berühmten Palast Assurbanipals betraten, haben sie offenbar auf den Reliefs die Gesichter derer zerkratzt, die den elamischen König und seinen Sohn getötet hatten; so jedenfalls könnten die Zerstörungen verstanden werden, die nach der Ausgrabung des Palastes wieder ans Licht kamen. Im Jahr 610 griff Nabopolassar Harran an, wohin sich der letzte assyrische König geflüchtet hatte, und zwang die assyrischen und ägyptischen Truppen, sich nach Syrien zurückzuziehen. 605 kam es bei Karkemisch am Euphrat zu der bereits erwähnten Entscheidungsschlacht zwischen Babyloniern und Ägyptern, bei der auf babylonischer Seite Kronprinz Nebukadnezar das Kommando führte. Er siegte über die Ägypter, die inzwischen in Palästina und Syrien das assyrische Erbe angetreten hatten, und machte damit zweifellos bei den Fürsten westlich des Euphrats einen großen Eindruck. Nebukadnezar konnte seinen Erfolg jedoch nicht sogleich mit weiteren Eroberungen fortsetzen, denn sein Vater erkrankte und starb. Der Prinz eilte zurück nach Babylon, wo er zum König gekrönt wurde.
 
Nebukadnezar II. (604—562), der eigentlich Nabu-kudurri-usur hieß, stellte sich zunächst die Aufgabe, die westeuphratischen Provinzen des Assyrerreiches zu erobern. Nicht zuletzt dürfte dies dem Wunsch entsprochen haben, Anschluss an den mediterranen Raum zu erhalten, der zur wichtigsten Kontaktzone zwischen den Hochkulturen dieser Zeit geworden war. Eine Reihe von Feldzügen, bei denen sich die lokalen Machthaber entweder sogleich unterwarfen oder durch eine Belagerung zur Übergabe ihrer Städte gezwungen wurden, brachten Nebukadnezar schließlich die Herrschaft über Syrien und Palästina. Im Jahr 601 aber schlug ein Angriff auf Ägypten fehl, was sogleich in den unterworfenen Gebieten zum Aufruhr führte. Auch der König von Juda, Jojakim, kündigte Nebukadnezar den Gehorsam auf; entgegen dem Rat des Propheten Jeremia vertraute er auf Ägypten. Nebukadnezar setzte ein großes Heer in Marsch, um die verlorene Kontrolle wiederzugewinnen, und erschien 597 in Palästina. In Jerusalem hatte nach dem Tod des Jojakim dessen Sohn Jojachin im Alter von 18 Jahren die Herrschaft übernommen. Die babylonischen Truppen belagerten die Stadt und nahmen sie ein. Jojachin und seine Familie, zahlreiche Angehörige der städtischen Elite sowie Handwerker wurden nach Babylonien deportiert. Es begann die Babylonische Gefangenschaft der Judäer, die für die spätere Entwicklung des Judentums als einer religiösen Gemeinschaft große Bedeutung gewinnen sollte. Einige keilschriftliche Rationslisten bezeugen, dass Jojachin und seine Familie sowie andere vornehme Judäer in der Stadt Babylon selbst lebten. In Juda, dessen Territorium nun verkleinert wurde, machte Nebukadnezar den Onkel Jojachins, Mattanja, zum König und änderte dessen Namen in Zidkija.
 
Aber die ägyptische Partei innerhalb der Stadt war offenbar noch stark, und ihr Einfluss änderte schließlich auch die Haltung Zidkijas gegenüber Babylon. Als er die Zahlung des geforderten Tributs verweigerte, war das für Nebukadnezar der Anlass, erneut gegen Jerusalem vorzugehen. 587 v. Chr. erschien er in Juda; die Städte, die sich ergaben, behandelte er gnädig. Jeremia verwies darauf und empfahl Jerusalem eine rasche Unterwerfung. Doch denen, die dagegen waren, gab das Erscheinen eines ägyptischen Heeres neue Hoffnung auf Hilfe. Die ägyptischen Truppen vermochten die Belagerung der Stadt jedoch nicht zu verhindern; anderthalb Jahre standen die Babylonier vor Jerusalem, dann wurde die Stadt eingenommen, geplündert und samt dem Königspalast und dem Salomonischen Tempel in Brand gesteckt. Grausame Rache wurde am abtrünnigen Zidkija genommen: Vor seinen Augen wurden seine Söhne getötet, er selbst wurde geblendet und nach Babylon deportiert. Juda verlor seine Eigenständigkeit als Königtum und wurde in das neubabylonische Provinzialsystem einbezogen. Große Teile der Bevölkerung Judas, vor allem die Jerusalems, wurden nach Babylonien ins Exil geführt.
 
Es mögen manche judäische Deportierte, vor allem erfahrene Handwerker, mit daran beteiligt gewesen sein, die Stadt Babylon so glanzvoll auszubauen, wie das die deutschen Ausgrabungen 1899—1914 zutage gebracht haben. Vor allem die mit farbigen und glasierten Reliefziegeln geschmückte Prozessionsstraße, das zur Innenstadt führende, der Ischtar geweihte Stadttor, der ausgedehnte und ebenfalls farbenfroh geschmückte Palast sowie die monumentalen Stadtmauern werden die Zeitgenossen beeindruckt haben. Wenn auch in oft nicht zutreffender Form, haben Informationen über diesen Glanz Babylons auch Eingang in das Geschichtswerk des Griechen Herodot von Halikarnassos gefunden und damit überdauert. Doch wie Ninive erlebte auch Babylon seinen größten und prächtigsten Ausbau kurz vor seinem Niedergang.
 
Nabonid und die Einnahme Babylons durch die Perser
 
Auf den großen Eroberer und Bauherrn Nebukadnezar II. folgten zwei weniger bedeutende Herrscher; sie regierten nur einige Jahre. Mit Nabonid (555—539) bestieg dann noch einmal ein König den Thron, der auch bei der historischen Tradition besonderes Interesse fand. Nicht nur, dass er der letzte König des Neubabylonischen Reiches war, sondern er muss wohl auch eine eigenwillige Persönlichkeit gewesen sein. Der Gott Marduk von Babylon, der auch außerhalb der Stadt und sogar über Mesopotamien hinaus verehrt wurde und mit der Ausdehnung des von Babylon regierten Landes auch Reichsgott geworden war, wurde von ihm vernachlässigt. Nabonid wandte sich vielmehr dem Mondgott Sin zu und förderte dessen Kult. Vielleicht stand er dabei unter dem Einfluss seiner Mutter Adad-guppi, die aus dem Kultzentrum des Sin in Nordmesopotamien, Harran, stammte. Möglicherweise hatte er es ihr zu verdanken, dass er, obwohl nicht ursprünglich als Thronfolger vorgesehen, doch noch König wurde. Der Mondgott wurde vor allem bei den halbnomadischen Stämmen der Wüstensteppen verehrt. Zog sich Nabonid deshalb für zehn Jahre aus Babylon zurück und lebte in der Oase Teima in der Arabischen Wüste? Teima war mit Mesopotamien seit langem durch Karawanenrouten verbunden, auf denen auch aus dem südarabischen Saba Waren zum Euphrat transportiert wurden, doch auch das erklärt nicht, warum er so lange seiner Hauptstadt fernblieb. Es gibt bisher keinen Text, der darüber Auskunft geben könnte. Dabei stand Nabonid ganz in der babylonischen Tradition und fühlte sich ihr so verpflichtet, dass er sogar nach Denkmälern und Inschriften seiner Vorgänger suchen ließ, was ihm die Bezeichnung »erster Archäologe der Welt« (oder vielleicht wenigstens Mesopotamiens) einbringen könnte.
 
Das lange und selbst gewählte Exil, das ihn nicht zuletzt von der Ausübung der offiziellen Kulte in Babylon fern hielt, hat ihm zweifellos den Zorn der Priesterschaft vor allem des Marduk eingebracht. Und er wurde in der Oase offenbar auch nicht sogleich gewahr, was sich am Horizont des Reiches von Babylon ereignete. Er hatte seinen Sohn Bel-schar-usur (Belsazar) in Babylon mit der Reichsverwaltung beauftragt, und vielleicht war es dessen dringender Rückruf, der ihn dazu veranlasste, wieder nach Babylon zurückzukehren. Denn inzwischen hatte der Perserkönig Kyros II. immer größere Macht gewonnen und bereitete sich darauf vor, Babylonien zu erobern. Im Jahr 539 kam das Heer des Kyros von den Bergen in die mesopotamische Ebene. Nabonid stellte sich ihm in der Nähe des heutigen Bagdad entgegen und wurde geschlagen. Die Perser zogen am 12. Oktober 539 in Babylon ein. In einem babylonischen Text heißt es, dass dem persischen Heer die Tore der Stadt geöffnet worden seien. Wenn das zuträfe: waren vielleicht die durch Nabonids Verhalten verstärkten inneren Spannungen in der babylonischen Hauptstadt, an denen die Marduk-Priester ihren Anteil hatten, der Grund dafür? Dies bleibt ebenso unklar, wie die Behauptung der gleichen Quelle bisher unerklärlich ist, die Bewohner Babylons hätten Kyros begeistert als den Befreier vom Tyrannen Nabonid begrüßt. Herodot berichtet etwa ein Jahrhundert danach in seinem Geschichtswerk (Historien 1, 191), dass sich Kyros zunächst einer List bedient hätte, um sich dann gewaltsam Babylon anzueignen. Aber wurde der babylonische Text offenbar in einem propersischen Sinne verfasst, so schrieb Herodot sein Werk im griechischen Westkleinasien in einer deutlich antipersischen Haltung, gewiss unter dem Eindruck des Kampfes der griechischen Stadtstaaten gegen die persische Großmacht. Welcher Überlieferung darf hier gefolgt werden?
 
Babylonien hat auch als Teil des persischen Achämenidenreiches seine alten Traditionen noch gepflegt. Bewusst hat sich auch Kyros selbst in die Tradition der Könige von Babylon gestellt; offenbar nur durch sein Edikt, das den deportierten Judäern die Rückkehr in ihre Heimat erlaubte, griff er in die Angelegenheiten dieses Reichsteils ein. Dennoch gab es hier auch weiterhin Bestrebungen, die Unabhängigkeit wiederzuerlangen; sie endeten zur Zeit des Xerxes mit einer Zerstörung der Stadt Babylon, die danach wieder aufgebaut wurde. Als Alexander der Große auf seinem Asienfeldzug nach Babylon kam, war die historische Größe dieser Stadt in der Erinnerung noch so lebendig, dass er beschloss, sie zur Hauptstadt seines riesigen Reiches zu machen. Sein früher Tod hat dies verhindert. Die altorientalische Kultur und ihre geschichtlichen Traditionen lebten aber auch in einer Zeit fort, in der griechische Sprache und Lebensart immer mehr an Einfluss gewannen.
 
 Gesellschaft und Recht im alten Babylon
 
Archäologische Forschungen in den Ländern des Vorderen Orients haben gezeigt, dass in diesem Gebiet der Erde bereits im 10. Jahrtausend v. Chr. die Bewohner dazu übergingen, Bodenbau zu betreiben. Da diese Entwicklung in jener frühen Periode der Menschheitsgeschichte einsetzte, die als Neolithikum, Jungsteinzeit, bezeichnet wird, erhielt der Übergang zum Bodenbau die bereits im Abschnitt über die Frühgeschichte genannte Bezeichnung »neolithische Revolution«, obwohl hier ein lang währender, in den einzelnen Bereichen des Orients unterschiedlich schnell verlaufender Vorgang gemeint ist, der eben nur in seinen Resultaten »revolutionär« war. Die neue Art und Weise des Nahrungserwerbs erforderte den Übergang zu einer zunächst wenigstens zeitweilig stationären, mit zunehmendem Umfang der Produktion dann aber vollsesshaften Lebensweise. Es entstanden dörfliche Gemeinschaften, in denen offenbar blutsverwandte Verbände siedelten.
 
Im zentralen und südlichen Mesopotamien, dem Gebiet, das man später als Babylonien bezeichnete, konzentrierten sich solche Siedlungen an den Flussläufen. Schon seit dem 6. Jahrtausend wurde Flusswasser in diesem regenarmen Bereich auch für die Bewässerung von Feldern genutzt. Als dann durch das Absinken des Wasserspiegels des Persischen Golfs viele dieser verwilderten Flusssysteme trockenfielen, war man gezwungen, von Flüssen Kanäle abzuzweigen, die auf die Felder führten. In Obermesopotamien, Syrien-Palästina und Kleinasien erhielten die Felder ihre Feuchtigkeit vor allem von den hier reichlicheren Regenfällen. Untersuchungen neolithischer Siedlungsplätze in diesen Bereichen des »Fruchtbaren Halbmonds« haben gezeigt, dass sich die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in einem Umbruch befanden. Die rechtlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedern dieser Gemeinschaften wurden noch nach altem Brauchtum geregelt, dem Gewohnheitsrecht, das sich aus einem längeren Zusammenleben in der Gemeinschaft entwickelt hatte. Wie es scheint, bildeten sich aber bald Sonderrechte der Anführer heraus, deren Amt innerhalb einer bestimmten Familie erblich wurde. Diese Wandlungen der frühen Gesellschaft Vorderasiens gingen dort offenbar rascher vonstatten, wo die Bewässerungswirtschaft ein höheres Maß an Koordinierung und Organisation erforderlich machte. Als wichtige Institution traten dabei die Tempel hervor, die zugleich Stätten eines tradierten Wissens wurden. In den Regenfeldbaugebieten dagegen spielten besonders die Häuser der führenden Familien eine Rolle, die späteren Paläste, also die Zentren weltlicher Macht.
 
Aus dem Bedürfnis, kompliziertere Vorgänge des Zusammenlebens festzuhalten, insbesondere Feldprodukte und Vieh zu notieren, entwickelte sich im späten 4. Jahrtausend v. Chr. eine Schrift. Als sie es vermochte, weiter gehende Aussagen zu fixieren, konnte sie auch für die Niederschrift von sozialen und rechtlichen Vorgängen verwendet werden. So lässt sich schließlich aus den ersten Zeugnissen ausgebildeter Schrift, die bereits dem 3. Jahrtausend zugehören, eine Gesellschaft herauslesen, in der sich Unterschiede hinsichtlich Ansehen, Vermögen und Macht artikulierten. Zudem erscheinen die Schriftzeichen für Sklavin, dann auch für Sklave; sie wurden aus den Zeichen für »Frau« bzw. »Mann« und »Bergland« zusammengesetzt — vielleicht ein Hinweis darauf, dass die ersten Sklaven aus den Gebirgen oder dem Hochland der Wüstensteppe kamen. Das alte Gewohnheitsrecht reichte nicht mehr aus, diesen veränderten Bedingungen vor allem in den städtischen Zentren gerecht zu werden, in denen Fürsten als höchste Instanz residierten und auch das Umland verwalteten. Aus der frühdynastischen Zeit Mesopotamiens (etwa 2800—2350 v. Chr.) sind daher erstmals schriftliche Regelungen des Zusammenlebens bekannt, die die neuen Verhältnisse widerspiegelten. Es entstand ein gesetztes, das heißt von dem Fürsten gegebenes Recht, in das zunächst auch noch älteres Brauchtum Eingang fand, das aber den neuen Verhältnissen entsprach.
 
Die Reformen des Fürsten von Lagasch
 
Die ersten Dokumente auf Stein oder Ton, die wir als Rechtstexte bezeichnen können, behandelten offenbar vorrangig Fragen des Grundbesitzes. Land war die wichtigste Vorbedingung für den Lebensunterhalt; der Zugang dazu und zum notwendigen Wasser war wesentlich auch für die soziale Position. Den Texten liegt schon ein gewisses Formular zugrunde, das teilweise vielleicht auf die mündlichen Absprachen bei Rechtsgeschäften zurückging. Spätestens um die Mitte des 3. Jahrtausends wird es erstmals königliche Verordnungen gegeben haben. Bereits für das 24. Jahrhundert ist ein — allerdings auf die Herstellung früherer Zustände abzielender — »Reformtext« bekannt, der während der Regierung des Fürsten Uruinimgina niedergeschrieben wurde. Der Fürst, dessen Name früher Urukagina gelesen wurde, regierte das Fürstentum Lagasch in Südmesopotamien zu einer Zeit, in der es sich in einer Krise befand. Anliegen des Textes war die Beseitigung von Missständen, die sich vor allem im Verhältnis von Herrscherhaus und Tempeln ergeben hatten, aber es werden auch Machtmissbrauch durch staatliche Amtsträger, zu hohe Gebühren bei Heiraten, Zwangsverkäufe, Verschuldung sowie Mord und Diebstahl erwähnt. Gerade die Schuldner dürften ein Problem dargestellt haben; schon der Fürst Entemena von Lagasch scheint etwa ein Jahrhundert vor Uruinimgina genötigt gewesen zu sein, sich dieser Frage zu widmen, die nicht nur Anlass zu sozialem Unfrieden sein konnte, sondern auch die wirtschaftliche Basis des Gemeinwesens schwächte. Wenn Uruinimgina am Schluss seines Textes betont, dass er »die Witwen und Waisen nicht dem Mächtigen überantworten« werde, so verwendete er eine Formulierung, die auch später immer wieder von den Königen benutzt wurde. Denn das Herstellen sozialer Gerechtigkeit galt den Herrschern stets als notwendig und verdienstvoll, auch wenn gerade die Wiederholung solcher Akte anzeigt, dass es nicht gelang, die Verhältnisse auf Dauer zu stabilisieren.
 
Im südlichen Mesopotamien dürfte das Erfordernis, die durch Kanäle und ihre Abzweigungen wachsenden Bewässerungsprovinzen sowie den überregionalen Austausch zu kontrollieren, den politischen Zusammenschluss dieser Areale gefördert haben. Es waren dann die Könige der Dynastie von Akkad (ab 2350 bis etwa 2111 v. Chr.), die durch militärische Gewalt in Mesopotamien erstmals einen Territorialstaat schufen. Er sprengte den Rahmen der früheren Stadtstaaten und konnte erst nach längeren Kämpfen mit den einzelnen Stadtfürsten durchgesetzt werden. Aus dieser Zeit sind eine ganze Reihe von Rechtsurkunden überliefert, die vor allem den Kauf oder Tausch von Grundstücken, Personen oder Tieren behandeln. Dass auch der König selbst auf diese Weise Felder erwarb, ist besonders durch Urkunden in Form von kleinen Steinstelen, Kudurrus (wörtlich: Grenzsteine), überliefert. Sie machen deutlich, dass der Herrscher nicht auch Eigentümer des gesamten von ihm beherrschten Landes war, selbst wenn nach damaligem Verständnis von den Göttern das ganze Land in seine Obhut gegeben worden war. Andere Urkunden behandeln Rechtsakte wie Darlehen, Schenkung oder Erbteilung; es entwickelten sich dabei nicht nur bestimmte Formulare, sondern es sind auch schon Erklärungen hinsichtlich Haftung, Bürgschaft und Klageverzicht anzutreffen. Das deutet darauf hin, dass sich die sozialen Beziehungen innerhalb der Staaten weiter kompliziert hatten. Gewiss nicht zufällig wurden in dieser Zeit schon Zusammenstellungen rechtlicher Regelungen vorgenommen, die teils den praktizierten Verfahrensweisen entsprochen haben werden, teils vielleicht auch neue, vom Fürsten festgelegte Bestimmungen enthielten. Von nun an wurden bis in die Spätzeit des altorientalischen Mesopotamien immer wieder solche Rechtssammlungen niedergeschrieben, die neben den Texten der Rechtspraxis zu wichtigen Zeugnissen ihrer Zeit geworden sind. Wie weit sie jeweils als Gesetzgebungen verstanden werden können, ist im einzelnen Fall zu prüfen, bleibt aber oft unklar.
 
Die Gesetze des Königs von Ur
 
Das bisher früheste Beispiel einer mesopotamischen Rechtssammlung ist aus der Zeit der III. Dynastie von Ur (2111—2003) überliefert, die nach dem Zusammenbruch des Reiches von Akkad erneut fast ganz Mesopotamien beherrschte. Das Original ist nicht erhalten, doch stehen Abschriften aus dem frühen 2. Jahrtausend zur Verfügung, die in altbabylonischen Schulen angefertigt wurden. Der Text wurde vom Dynastiegründer Urnammu verfasst, ist aber wohl erst von seinem Nachfolger Schulgi aufgezeichnet worden. In einem einleitenden Abschnitt werden Missstände aufgeführt, die den Anlass für neue gesetzliche Regelungen gaben, durch die es Urnammu gelungen sei, sie zu beseitigen. Sie betrafen den Schiffsverkehr mit dem Persischen Golf, Privilegien für bestimmte Städte, die Festlegung verbindlicher Maßeinheiten. Seine Bemühungen im sozialen Bereich werden hier mit den Worten deutlich: »Die Waise überantwortete ich keineswegs dem Reichen, die Witwe überantwortete ich keineswegs dem Mächtigen, den Mann mit einem Schekel überantwortete ich keineswegs dem Mann mit einer Mine (Geldes), den Mann mit einem Schafe überantwortete ich keineswegs dem Mann mit einem Rinde.« Und der Prolog schließt mit den Worten: »Feindseligkeit, Gewalttat und Weherufe an den Sonnengott ließ ich fürwahr verschwinden, Gerechtigkeit setzte ich fürwahr im Lande Sumer.«
 
Was an Rechtssatzungen in 32 Paragraphen überliefert ist, behandelt die Beseitigung von Missständen in der Wirtschaft sowie die Festigung der Rechtssicherheit im Lande. Auf Mord und Raub stand die Todesstrafe, und aus der Rechtspraxis ist bekannt, dass auch Familienangehörige für die Tat mithafteten. Die Todesstrafe wurde auch bei Vergewaltigung einer Jungfrau und bei Ehebruch (wohl nur seitens der Frau) sowie bei anderen Vergehen angedroht. Gerichtsurkunden zeigen allerdings, dass auch Bußleistungen bereits eine Rolle spielten, das heißt die Zahlung von Silber. Der Ersatz von Körperstrafen durch Bußzahlungen war eine Tendenz, die sich auch in Zeugnissen späterer Perioden, so etwa im Codex Hammurapi, und anderer Länder immer wieder erkennen lässt. Es war eine Art von Humanisierung des Rechts, die an die Stelle der für den Geschädigten praktisch nutzlosen Vergeltung eine mehr zeitgemäße Strafe setzte, die den zunehmenden pekuniären Beziehungen in der Gesellschaft entsprach, aber den sozial Schwachen benachteiligte.
 
Die Zahl der Urkunden, die Licht auf die Gesellschaft des späten 3. Jahrtausends in Mesopotamien werfen, geht in die Tausende. Noch sind längst nicht alle Tontafeln veröffentlicht worden, die bei Grabungen zutage kamen, und viele Tausende sind zweifellos noch in den Trümmern der einstigen Städte verborgen. Dennoch ist die Quellenbasis bereits genügend breit, um darauf aufbauen zu können. Die Urkunden räumen der Familie eine besondere Rolle ein und bemühen sich um deren Erhalt. Unfreie, zu denen auch jene gehörten, die sich aus zahlungsunfähigen Schuldnern oder deren Familienangehörigen rekrutierten, konnten wie Sachwerte behandelt und daher auch verkauft oder verpfändet werden. Dass trotz königlicher Lastenbefreiungen die Gefahr einer Verschuldung zunahm, könnten die besonders zahlreichen Darlehensurkunden anzeigen. Wurde die Schuldsumme nicht rechtzeitig zurückgezahlt, so erhöhte sie sich beträchtlich, was für den Schuldner die Situation noch auswegloser machte; zuweilen musste ein Sohn des Schuldners als Pfand in den Dienst des Gläubigers treten. Freilich zeigen Darlehen nicht bereits einen Sozialfall an; denn die Aufnahme eines Darlehens bedeutete noch nicht, dass eine soziale Abhängigkeit entstand, und nicht selten wird es sich um Investitionsdarlehen gehandelt haben, die der Erweiterung und technischen Vervollkommnung der Familienwirtschaft dienten. Dennoch: Das Problem der Verschuldung, bereits in den frühesten Rechtstexten Mesopotamiens anklingend, hat auch in den nachfolgenden Jahrhunderten immer wieder zu königlichen Erlassen geführt.
 
Es zeigte sich immer mehr, dass die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, zunächst in Mesopotamien, dann auch in anderen Bereichen Vorderasiens, zur Auflösung der alten gesellschaftlichen Strukturen tendierte. Was dabei für die eine soziale Gruppe größere Freiheit brachte, bewirkte bei anderen Landesbewohnern eine größere Unfreiheit. Oft dürfte der Herrscher gerade letzteren als ein Hoffnungsträger erschienen sein, und er hat sich auch selbst immer wieder als Beschützer der Entrechteten, der Witwen und Waisen, verstanden, wovon seine Inschriften Zeugnis ablegen. Selbst als sich Naramsin von Akkad und nach ihm andere Könige als Landesgötter verehren ließen, fehlte es nicht an dem Hinweis, dass dieses dem Willen des Volkes entsprochen habe. In der Folgezeit wird deutlich, dass die Tendenz zu einer stärkeren Individualisierung der Gesellschaft, in der die früheren, oft durch Blutsbande gefestigten Gemeinschaften aufgelöst wurden, sich auf die Dauer durchsetzen konnte. Das wird vor allem in jener Periode mesopotamischer Geschichte offenkundig, die auf die der Dynastien von Akkad und Ur folgte: in der altbabylonischen Zeit.
 
Soziale Umbrüche am Anfang eines neuen Jahrtausends
 
An der Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend vollzogen sich nicht nur Veränderungen im machtpolitischen Bereich, sondern auch in der Zusammensetzung der Bevölkerung und in der Gesellschaft. Der Zusammenbruch des Reiches der III. Dynastie von Ur war vor allem durch den Verfall der inneren Machtstrukturen und eine wirtschaftliche Krise bedingt und löste eine verstärkte Zuwanderung von halbnomadischen Bevölkerungsgruppen aus dem Randgebiet der syrisch-arabischen Wüstensteppe aus. Diese »Westleute«, die bereits bekannten Amurriter, drangen im ausgehenden 3. Jahrtausend in größerer Zahl in das Kulturland an Euphrat und Tigris ein. Sie verschmolzen bald mit der ansässigen Bevölkerung und brachten bestimmte soziale und kulturelle Traditionen wieder stärker zur Geltung, die ihren Ursprung in einer nicht vollsesshaften Lebensweise hatten. Statt des zentral organisierten Reiches von Ur gab es nun eine Reihe kleinerer Fürstentümer, die miteinander um die Vorherrschaft rivalisierten. In ihnen verschwand das bislang im südlichen Mesopotamien dominierende Sumerische als Umgangssprache. Es wurde nur noch in den Gelehrtenschulen gepflegt und erhielt sich auch im Formular von Urkunden. Ansonsten wurde als Umgangs- und Urkundensprache das Akkadische (Babylonisch-Assyrische) benutzt, in dem auch die Rechts- und Verwaltungstexte jetzt weitgehend abgefasst wurden. Viele Tausend solcher Dokumente sind sowohl in den Archiven von Palästen und Tempeln als auch in Privathäusern altbabylonischer Zeit gefunden worden. Diese Keilschrifttexte sind es, die die Hauptquelle für unsere Kenntnis der altbabylonischen Gesellschaft bilden.
 
In diesem umfangreichen Quellenmaterial fällt auf, dass Texte betreffend den Kauf von Immobilien, dann auch Urkunden über Pacht oder Miete sowie über Darlehen eine besondere Rolle spielen. Das dürfte darauf zurückzuführen sein, dass neben den großen Institutionen, das heißt den Palästen und Tempeln, die kleinen Familienwirtschaften mit ihren im Durchschnitt etwa 6 ha Land stärker als sozialer Faktor hervortraten. Sie benötigten zum Überleben bis zur nächsten Ernte oft einen Kredit, doch waren sie dabei auch in Gefahr, Schuldsumme oder Zinsen nicht zurückzahlen zu können. So ist es kein Zufall, dass die meisten altbabylonischen Herrscher ihre Regierung mit einem »Gerechtigkeitserlass« begannen, der auch eine Entschuldung von Kreditnehmern zum Gegenstand hatte. Auch wenn unklar ist, inwieweit ein solcher Erlass im privaten Bereich der altbabylonischen Wirtschaft Wirkung zeigte, der König konnte sich damit als Schützer der Witwen und Waisen darstellen. Immerhin beruhte die Wirtschaft nicht nur seines Palastes, sondern auch die des Königtums insgesamt jetzt weitgehend auf solchen Familienunternehmen. Aber es zeigte sich, dass diese Maßnahmen nicht auf längere Dauer wirksam blieben, zumal sie nur einige negative Folgen der Verschuldung beseitigen konnten, etwa durch die Entlassung von Schuldnern oder deren Angehörigen aus der Schuldknechtschaft, nicht aber die im sozialen System begründeten Ursachen der Verschuldung.
 
Der Mensch der altbabylonischen Zeit war somit, nachdem er aus der Einbindung in die traditionalen oder großen Institutionen weitgehend freigesetzt worden war, sozial stärker verunsichert als zuvor. Er war aber andererseits auch selbstständiger geworden. Es entwickelte sich, wie oben bereits ausgeführt, nun offenbar eine Art von bürgerlichem Selbstbewusstsein, wie es sich in verschiedenen Bereichen des Lebens und Denkens widerspiegelte. So gab es jetzt weit mehr Landesbewohner, die ein eigenes Siegel führten und es mit ihrem Namen versehen ließen, ergänzt durch den Namen des Vaters, was notwendig war, um eine Person von den zahlreichen anderen Trägern desselben Namens abzugrenzen. Meist wird auch eine spezielle Gottheit genannt, der man sich besonders nahe fühlte und von der man ganz besonders Hilfe in der Not erwartete. Einige altbabylonische Gebete zeigen, dass man es sogar als eine Art Pflicht der Gottheit betrachtete, für Zuwendung und Opfer eine entsprechende Hilfe zu gewähren. Zunehmend aber zeigen religiöse und literarische Texte der altbabylonischen Periode eine soziale Verunsicherung, und schließlich sogar macht das anfängliche Selbstbewusstsein einem Bewusstsein eigener Sündhaftigkeit und einer Unterwerfung unter den Ratschluss der Götter Platz. Gewiss nicht zufällig sind gerade aus dieser Zeit zahlreiche Bemühungen bekannt, durch die Interpretation bestimmter Erscheinungen (Omina) und das Stellen von Orakelanfragen einen Einblick in eine ungewisse Zukunft zu erlangen. Omina und Orakel wurden jetzt zu einer regelrechten Literaturgattung, deren sich auch die gelehrte Tradition annahm.
 
Es bleibt zu fragen, ob es in den zahlreichen Urkunden altbabylonischen Lebens auch Hinweise gibt, die auf einen sozialen Protest deuten, der sich vor allem gegen Wucher und zu hohe Forderungen der königlichen Verwaltung richtete. Denn sowohl die königlichen Erlasse als auch die Gesetze könnten darauf deuten, dass es Spannungen gab, denen der Herrscher mit seinen Maßnahmen entgegenwirken wollte. Es ist nicht überliefert, dass es einen sozial motivierten Aufstand gegen die Herrschenden oder Wucherer gegeben hätte. In der literarischen Tradition wird von einem Aufstand der zu harter Arbeit an den Bewässerungskanälen gezwungenen niederen Götter gegen den obersten Gott Enlil berichtet; sie streikten, vernichteten ihre Werkzeuge und demonstrierten vor Enlils Palast. Vielleicht war das eine in die Götterwelt übertragene Aktion, die die Arbeitskräfte, die beim Ausbau der Bewässerungskanäle eingesetzt waren, tatsächlich ausführten oder wenigstens gedanklich probten? Etwas mehr kann über individuellen Protest gesagt werden, wie er sich in Urkunden andeutet. Dienstleute entzogen sich offenbar des Öfteren durch Flucht ihren Verpflichtungen; eine darauf hindeutende Klausel findet sich in den Verträgen über Personenmiete. Erwähnt werden auch bewusst nachlässige Arbeit, das unberechtigte Verlassen des Arbeitsplatzes oder Nichterscheinen bei der Arbeit. Aber es ist hier schwierig, zwischen einem sozialen Protest und einer individuellen Handlungsweise zu unterscheiden. Flucht und Arbeitsniederlegung richteten sich gewiss gegen besondere Bedingungen, kaum gegen das gesellschaftliche System selbst oder gar den König.
 
König Hammurapi von Babylon als Hüter des Rechts
 
Erlauben die zahlreichen Rechtsurkunden altbabylonischer Zeit, zu denen auch Prozessakten gehören, einen Einblick in die Verwaltung und soziale Situation der mesopotamischen Fürstentümer dieser Zeit, so geben die königlichen Erlasse und Rechtssammlungen einen Eindruck davon, wie sich die Regierenden die Situation in ihren Landen wünschten. Eine ganze Reihe solcher Gesetzgebungen sind aus den verschiedenen Fürstentümern erhalten geblieben; die bekannteste und umfangreichste von ihnen ist zweifellos der »Codex Hammurapi«. Die über 2 m hohe Stele aus Diorit, auf der die mit bewusst archaisierenden Zeichen eingemeißelte Zusammenstellung von Rechtssätzen des Königs Hammurapi von Babylon überliefert ist, wurde allerdings nicht in Babylon gefunden. Sie kam vielmehr in Susa zutage, der Hauptstadt des Staates Elam, wohin sie Jahrhunderte später von einem elamischen Fürsten nach einem siegreichen Feldzug verschleppt worden war. Dabei ging es dem Eroberer gewiss nicht um den Denkmalswert der Stele oder um den auf ihr eingemeißelten Text. Eher darf man davon ausgehen, dass die Bedeutung des babylonischen Staates zur Zeit des Hammurapi hierbei eine Rolle spielte, wohl aber auch der auf ihr abgebildete Gott. Denn die Stele zeigt in ihrem oberen Teil König Hammurapi vor Schamasch, dem Gott der Sonne und des Lichts. Und da die Sonne alles auf der Erde ans Licht bringt, so war der Sonnengott der Gott des Rechts. Es war insbesondere dieser Gott, unter dessen Augen sich das Rechtsleben abspielte. Ursprünglich war die Stele wohl einmal in Babylon selbst oder in Sippar, der wichtigsten babylonischen Kultstadt des Sonnengottes, aufgestellt gewesen; Fragmente von Stelen mit Zeilen der Gesetzessammlung Hammurapis, die an anderen Orten entdeckt wurden, deuten jedoch darauf hin, dass es einst mehrere Exemplare dieses Denkmals in Babylonien gegeben hat. Dass der Text nicht nur für seine Zeit Bedeutung hatte, zeigen die Abschriften, die davon zu Lehrzwecken oder aus Interesse an der literarischen Überlieferung über fast 1500 Jahre auf Tontafeln angefertigt wurden.
 
Der Gesetzessammlung Hammurapis, meist nicht ganz zutreffend als »Codex« bezeichnet, wurde ein Prolog vorangestellt, wie das auch bei anderen Schriftdenkmälern dieser Art zu beobachten ist. Denn es ging zunächst um den Lobpreis des Herrschers, der den nachfolgenden Text aufzeichnen ließ, und um eine Aufzählung aller Erfolge seiner Regierungstätigkeit. So ist der Prolog zu einem wichtigen Zeugnis für die Geschichte seiner Zeit geworden, bei dem freilich die Zwecksetzung der Inschrift berücksichtigt werden muss. Es folgen dann die einzelnen rechtlichen Regelungen, jeweils beginnend mit »wenn (etwas so geschieht), dann (folgt die Strafzumessung)«. Zählt man diese Abschnitte einmal durch, gelangt man zu 282 »Paragraphen«, insgesamt eine enorme Fülle an Informationen über die altbabylonische Gesellschaft und ihre Rechtsverhältnisse. Abschließend, in einem Epilog, werden diese Bestimmungen als »gerechte Richtersprüche« Hammurapis bezeichnet, die dem Wohl des Landes und seiner Regierung dienten und deren Verletzung von den Göttern schrecklich geahndet würde. Dem Rechtsuchenden wird angeraten, er solle die beschriftete Stele lesen, die geeignet sei, seine Angelegenheit zu klären und den Richterspruch zu ersehen. Freilich behandelten die Gesetze Hammurapis, ebenso wie andere Rechtssammlungen des Alten Orients, nicht umfassend alle Bereiche des Lebens. Vielmehr wird deutlich, dass es um Probleme ging, die im Zusammenleben der Gemeinschaft sowie hinsichtlich der Beziehungen der Bevölkerung zum König besondere Aktualität besaßen.
 
Rechtssprüche zur öffentlichen Ordnung
 
Es ist wohl nicht zufällig, dass zunächst solche Rechtsfälle behandelt werden, die in einer direkten Beziehung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung standen und daher das besondere Interesse des Herrschers fanden. Da es vor allem um Gerechtigkeit ging, befassen sich die ersten fünf mit der Durchführung von Prozessen. Beruhte die Anklage, wie sie jeder freie Landesbewohner bei einem Richter vorbringen konnte, auf einer falschen oder unbewiesenen Beschuldigung, so hatte der Kläger dafür zu büßen. Handelte es sich dabei um einen Mordfall, so traf den falschen Kläger die Todesstrafe, wie sie sonst dem Täter gegolten hätte. Im Fall von Zauberei überließ man den Wahrheitsbeweis der Anklage dem Flussgott, das heißt, einem Wasserordal. Tauchte der wohl gebunden in den Fluss geworfene Beklagte unversehrt wieder auf, verweigerte sich der Flussgott also, wurde der Kläger getötet. Ebenso stand auf ein falsches Zeugnis vor Gericht die Todesstrafe, wenn es dabei um ein Kapitaldelikt ging. Den, der ein solches Verbrechen fälschlich anzeigte, sollte also die Strafe treffen, zu der sonst der Beklagte verurteilt worden wäre. Das galt auch, wenn es dabei nicht ums Leben, sondern um Getreide oder Silber ging. Beweismittel war in letzteren Fällen gewöhnlich eine gesiegelte Urkunde; ansonsten wurden Zeugen unter Eid vernommen. Strafe drohte auch dem Richter: Falls es sich herausstellte, dass er, möglicherweise nach einer Bestechung durch eine der Prozessparteien, sein Urteil änderte, musste er »in der Versammlung von seinem Richterstuhl aufstehen« und durfte künftig nicht mehr im Richterkollegium mitwirken. In einer Zeit, die durch eine Individualisierung der Gesellschaft und ihrer Vermögensverhältnisse sowie eine entsprechende soziale Differenzierung gekennzeichnet war, häuften sich wohl gerade die Eigentumsdelikte. Jedenfalls wandte Hammurapi sich vor allem der rechtlichen Sicherung des Eigentums zu (§§ 6—25), auch durch Androhung der Todesstrafe in besonders schweren Fällen. So sollte derjenige getötet werden, der sich am Eigentum eines Gottes, also eines Tempels, oder des Palastes verging. Dabei sollte den Dieb und den Hehler von Diebesgut die gleiche Strafe treffen. Es fällt auf, dass hinsichtlich des Strafmaßes der soziale Rang des Bestohlenen mit in Betracht gezogen wurde und einem Delinquenten, wenn er die finanzielle Bußleistung nicht erbringen konnte, die Todesstrafe angedroht wurde: »Wenn der Dieb nichts zu geben hat, wird er getötet.« Vielleicht darf man davon ausgehen, dass gerade die angedrohte Todesstrafe ebenso wie die Verstümmelungen eine abschreckende Wirkung haben sollten und es Möglichkeiten gab, doch noch eine Milderung des Strafmaßes zu erreichen.
 
Vermögen und Dienstpflicht
 
Nach der Gerechtigkeit vor Gericht und dem Schutz des Eigentums behandeln die nachfolgenden Paragraphen die Dienstpflicht der Bevölkerung gegenüber dem Herrscher, insbesondere die in der Armee (§§ 26—41). Die Pflicht zum Heeresdienst beruhte oft auf Land, das vom König aus dem Landfonds des Palastes vergeben worden war. Wie auch die zahlreichen Briefe Hammurapis an seine Beamten zeigen, kümmerte er sich persönlich um Probleme, die dabei entstehen konnten, wie etwa im Fall einer kriegsbedingten längeren Abwesenheit des Feldbesitzers. Auch der Loskauf von Gefangenen wird in Betracht gezogen, der allerdings nicht durch den Einsatz seines Lehnsfeldes oder zur Verfügung gestellten Viehs erfolgen sollte.
 
Diese Bestimmungen leiten über zum Vermögensrecht (§§ 42—126), wobei vor allem darauf Wert gelegt wird, dass die Bebauung des Bodens, der im südlichen Mesopotamien mit einer aufwendigen Arbeit an den Bewässerungsanlagen verbunden war, gesichert wurde. Die Vernachlässigung der Arbeiten auf den Feldern oder in den Dattelgärten schadete dem Gemeinwohl und galt als ein schweres Vergehen. In diesem Zusammenhang war die Pacht von Feldern oder Gärten von Interesse, neben dem in Familienbesitz befindlichen Boden und dem königlichen Dienstland eine weitere Form des Grundbesitzes, auch wenn es sich hier meist um ein Verhältnis zwischen Privatpersonen handelte. Nach der Pacht von Grundstücken ist im Folgenden von der Hausmiete die Rede; offenbar lebte man nun häufiger in angemieteten Wohnungen als zuvor, wobei der Mietzins gewöhnlich für ein Jahr festgelegt wurde und sich nach Lage, Größe und Beschaffenheit des Hauses richtete. Urkunden zeigen, dass auch das Dachgeschoss oder ein Nebenhaus Gegenstand eines Mietvertrages sein konnten.
 
Schließlich fanden die Geschäfte des Kaufmanns und seines Handlungsgehilfen Eingang in die Rechtssammlung. Auch hier ist ein besonderes Palastinteresse angesprochen, vor allem in Verbindung mit der Vergabe von Darlehen. Der wirtschaftlich selbstständige Babylonier hatte solche Vorschüsse, insbesondere Silber oder Gerste, oft nötig, um seine Familie bis zur nächsten Ernte versorgen zu können. Die Zinsforderungen waren aber enorm: Die Gesetze nennen 20 % bei Silber und 331/3% bei Getreide (§ 89), und Darlehensurkunden bestätigen, dass sich die Zinsforderungen etwa um diese Sätze bewegten. Die Folgen einer Darlehensaufnahme konnten für den Schuldner, wenn er Schuldsumme oder Zinsen nicht aufbrachte, katastrophal sein und dazu führen, dass eine zwangsweise Pfändung erfolgte oder Angehörige seiner Familie, notfalls auch er selbst, in Schuldknechtschaft gehen mussten. Diese Situation dürfte in anderen mesopotamischen Staaten altbabylonischer Zeit ähnlich gewesen sein, und es sind daher auch eine ganze Reihe von Erlassen bekannt, in denen man versuchte, die negativen Folgen der Verschuldung einzudämmen.
 
Ehe und Familie
 
Die Rolle der Familie als soziale und wirtschaftliche Existenzgrundlage des Staates spiegelt sich auch in der Inschrift der Hammurapi-Stele wider. Familien- und erbrechtliche Fragen spielen daher in zahlreichen Paragraphen eine Rolle (§§ 128—193). Gerade durch die Komplizierung der sozialen Situation wurde es notwendig, Ehe und Familie königlichen Schutz angedeihen zu lassen. Dabei wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass eine Ehe ohne einen entsprechenden Vertrag keine rechtliche Gültigkeit besitze; im Urkundenmaterial sind eine Reihe solcher Eheverträge überliefert. Die Frau erscheint dabei als eine zwar der Gewalt des Ehemanns unterworfene Person, doch war sie geschäftsfähig und besaß durchaus Rechte im Hinblick auf ein eigenes Vermögen. Die Treue der Frau gegenüber ihrem Mann wurde gesetzlich gefordert; ihr Ehebruch wurde schwer bestraft. Wurde sie mit ihrem Liebhaber ertappt, wurden beide Ehebrecher gebunden und ins Wasser geworfen; es stand allerdings dem Ehemann frei, der Frau das Leben zu schenken. Es lag dann beim König, ob auch er dann bei dem Ehebrecher, seinem Untertan, von der Todesstrafe absehen wollte. Im Hinblick auf die Konsequenzen, die Ehescheidungen für die Familien und wohl oft auch für deren wirtschaftliche Existenz hatten, spielte dieses Problem auch in den Gesetzen Hammurapis eine Rolle. So war es durchaus möglich, dass eine Frau, die sich züchtig betrug, ihren Mann verlassen konnte, wenn dieser sie erniedrigte und des Öfteren betrog. Sie durfte dann ihre Mitgift nehmen und in das Haus ihres Vaters ziehen. Dennoch stand das Gesetz vor allem auf der Seite des Mannes, der nicht nur bei Ehebruch großzügiger behandelt wurde, sondern seine Frau auch verstoßen konnte. Er hatte dann ein Scheidungsgeld zu zahlen, dessen Höhe zuweilen schon im Ehevertrag festgelegt wurde. In manchen Ehekontrakten finden sich aber auch Klauseln, denen zufolge die Frau, die ihren Mann fortan nicht mehr als ihren Gatten betrachten wollte, versklavt, ertränkt oder von einem Turm hinabgestürzt werden sollte.
 
Was das Erbe angeht, so konnten »Feld, Garten, Haus und bewegliches Vermögen« nur dann von der Ehefrau übernommen werden, wenn es darüber eine gesiegelte Urkunde gab, und sie durfte es dann ihrerseits an eines ihrer Kinder weitergeben. Ansonsten galt die natürliche Erbfolge der Söhne, auch wenn in den Gesetzen Hammurapis einige Ausnahmen erwähnt werden. Vermögensrechtliche Konsequenzen hatte die Auflösung eines Verlöbnisses, wohl der eigentliche Grund, es in den Rechtssätzen mit zu berücksichtigen. Denn es war ein Brautpreis an den Vater der Braut zu entrichten, der dem Bräutigam verloren ging, wenn er das Verlöbnis löste, während bei einem Rücktritt des Brautvaters dieser das Doppelte der Familie des Bräutigams zu zahlen hatte. Es wäre nicht richtig, hier von einem Frauenkauf zu sprechen; letztlich war diese Mitgift eine persönliche Absicherung der künftigen Ehefrau. Dem Fortbestehen der Familien diente auch die Adoption, die daher gleichfalls Eingang in die Rechtssatzungen Hammurapis gefunden hat. Eine ganze Reihe altbabylonischer Urkunden zeigt die Praxis dieser Zeit, wobei nicht nur Freie, sondern auch Sklaven als Adoptierte erscheinen; für letztere bedeutete das zugleich die Freilassung. Der Adoptierte genoss den Schutz der neuen Familie, musste aber später wie ein leiblicher Sohn für den Unterhalt des Vaters sorgen. Verging er sich gegen die Adoptiveltern, so drohten körperliche Strafen oder die »Haartracht der Sklaven« und das Verjagen aus dem Haus. War es der Wunsch des Adoptivvaters, dass der Adoptierte sein Haus verließ, musste er ihn mit einem Drittel der erwarteten Erbschaft ausstatten, wovon Feld, Haus und Garten aber ausgenommen waren. War der Adoptierte das einzige Kind, konnte ihm die gesamte Erbschaft zufallen.
 
Körperverletzung und Sachbeschädigung, die Anmietung von Personen, Vieh und Schiffen sowie die Behandlung von Sklaven stellen weitere Themen der Gesetze Hammurapis dar (§§ 196—282), die bis hin zu tariflichen Festlegungen dem Funktionieren von Arbeit und sozialen Beziehungen dienen sollten. Es ist dabei nicht klar, inwieweit diese Rechtssätze den bereits üblichen Regelungen oder Normen entsprachen oder aber Neuerungen darstellten. Ein Vergleich mit den Texten der Rechtspraxis könnte anzeigen, dass die Rechtssprüche Hammurapis etwa gängige Regeln reflektierten. So bleibt es noch unklar, inwieweit die Rechtssammlung Hammurapis tatsächlich den Charakter einer innovativen Gesetzgebung besaß, auch wenn im Epilog des Stelentextes dieser ausdrücklich als Orientierungshilfe für Rechtssuche dargestellt wird. Von Interesse ist jedenfalls, dass relativ häufig die Todesstrafe angedroht und in vielen Fällen, vor allem bei Körperverletzungen, dem Prinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn« gefolgt wurde. So sollte etwa jemand, der ein Auge eines anderen Menschen zerstörte, sein Auge verlieren. Brach er jemandem einen Knochen, so sollte man seinen Knochen brechen. Schlug er jemandem einen Zahn aus, widerfuhr ihm dasselbe. Aber auch hier wurden soziale Unterschiede gemacht, denn diese Regelungen galten nur zwischen Gleichgestellten; anderenfalls kam der Schuldige mit einer Geldbuße davon. Dieses Vergeltungsprinzip hat als Relikt einer älteren Gesellschaft etwa ein Jahrtausend später auch in der biblischen Überlieferung eine Rolle gespielt. Vielleicht hat die Tatsache, dass die Dynastie Hammurapis ebenso wie andere altbabylonische Königshäuser dem halbnomadischen Milieu der Amurriter entstammten, der Vergeltung (Talion) eine gewisse Bedeutung gelassen, selbst wenn man in der Praxis inzwischen gelernt hatte, dass Geldbußen ebenfalls die Rechtssache bereinigen konnten. Insgesamt stellt der »Codex Hammurapi« jedenfalls eine außerordentlich wichtige Quelle für die Kenntnis der altbabylonischen Gesellschaft dar, deren Aussagen anhand von Tausenden von Rechtsurkunden vertieft werden können.
 
Weitere altbabylonische Gesetze
 
Es gab in altbabylonischer Zeit auch andere Fürsten, die gesetzliche Regelungen hinterlassen haben, so Lipitischtar von Isin (1934—1924) und Anfang des 18. Jahrhunderts v. Chr. ein König von Eschnunna. Auch diese Gesetze dienten der inneren Stabilisierung der jeweiligen Staaten und waren zugleich Akte königlicher Propaganda, die den Herrscher als um die Wirtschaft und die soziale Situation seines Reichs bemüht zeigen sollten. Was die Gesetze des Lipitischtar betrifft, deren wesentliche Texte, im südmesopotamischen Nippur entdeckt, noch in sumerischer Sprache verfasst wurden, so sind davon Prolog und Epilog sowie etwa 40 Paragraphen erhalten geblieben. Wie im Epilog vermerkt wird, gab es auch eine Stele mit diesem Text, die jedoch bislang nicht entdeckt wurde. Im Prolog findet sich zunächst das Anliegen formuliert, Lipitischtar sei von den Göttern dazu berufen worden, »Gerechtigkeit im Lande aufzurichten, Wehklage aus dem Mund verschwinden zu lassen, Feindseligkeit, Gewalttätigkeit und Waffengewalt abzuwenden«. Und wenn es dann heißt, dass der König die Freiheit des Volkes hergestellt habe, dann lässt das wohl an eine Lastenbefreiung denken. Schuldknechtschaft und drückende Dienstverpflichtungen sind daher auch ein wesentliches Thema der Gesetze; ebenso geht es um den Schutz des Eigentums und die Sicherung des Bodenbaus. Die dann bei Hammurapi so oft angedrohte Todesstrafe findet sich hier nicht; vielmehr werden nur Ersatzleistung und Geldbuße genannt. Die Gesetze von Eschnunna, entdeckt in den Ruinen der Stadt Schaduppum nahe dem heutigen Bagdad, bieten in 60 Paragraphen zunächst Festlegungen hinsichtlich Preisen und Miettarifen, darunter auch für angemietete Arbeitskräfte mit einer bestimmten Qualifikation. Dabei ging es offenbar um Richtwerte, die darauf abzielten, die Regierung des Königs als eine gute Zeit darzustellen. Die nachfolgenden Abschnitte widmen sich dem Thema Ehe, Familie und Vermögen, danach folgen Strafzumessungen für bestimmte Delikte, wobei besonders auffällt, dass die Vergeltung (ius talionis) hier nicht erscheint.
 
Königliche Erlasse der Gerechtigkeit
 
Immer wieder begegnet in diesen Gesetzeswerken die Gerechtigkeit, die besonders für die Armen und Schwachen hergestellt werden sollte. Als vornehmstes Anliegen königlicher Herrschaft wird sie auch in den »Gerechtigkeitserlassen«, die gewöhnlich bald nach der Thronbesteigung herausgegeben wurden und eine Art von Sozialprogramm darstellten, erkennbar. Dass solche Edikte ebenso von den Nachfolgern Hammurapis herausgegeben wurden, könnte wie das Zeugnis der Schuldurkunden bestätigen, dass diese Bemühungen letztlich erfolglos blieben. So hat unter anderen Ammisaduqa von Babylon (1646—1626) wieder »gerechte Ordnung« im Lande schaffen müssen: Die Schuldeneintreiber sollten nicht mit Zwangsmaßnahmen gegen die Hauswirtschaften vorgehen, Schuldurkunden über Gerste oder Silber verloren unter bestimmten Bedingungen ihre Gültigkeit, Pachtrückstände gegenüber dem König wurden erlassen, ebenso die Abgabenrückstände von Hirten und Bauern — etwa Gerste bestimmter Felder — gegenüber dem Palast. Vor allem die Verlautbarung wird begrüßt worden sein, dass die Schankwirtin, »welche Bier oder Gerste auf Borg gegeben hat«, sich nichts davon zurückgeben lassen dürfe; dafür verzichtete der Palast ihr gegenüber auf Steuerrückstände. Freie Bürger bestimmter Orte, die in ein Schuldverhältnis geraten waren und dafür sich selbst, die Ehefrau oder ihre Kinder als Pfand gegeben hatten, mussten ihre Schulden nicht zurückzahlen. Sklaven, die verkauft, in ein Gewaltverhältnis genommen oder als Pfand überlassen worden waren, wurden jedoch nicht befreit.
 
Diese Erlasse, die sich gegen negative Erscheinungen im sozialen Gefüge Babyloniens richteten, berechtigen jedoch nicht, ein durchweg negatives Bild vom Zustand der altbabylonischen Gesellschaft zu geben. Zahlreiche Familien waren durch eigene geschäftliche Aktivitäten oder im Dienste des Herrschers zu einigem Wohlstand gelangt. Sie erwarben Immobilien, gaben Darlehen und beteiligten sich an Handelsgeschäften; ihre Familienarchive konnten zum Teil entdeckt oder am Schreibtisch des Philologen rekonstruiert werden. Hinzu kommt das Zeugnis der Palastarchive von Mari am mittleren Euphrat, das vor allem auf Güterbewegungen und diplomatische Kontakte zwischen den babylonischen Zentren und denen Syriens weist. Denn es wuchs das Interesse babylonischer Fürsten und Geschäftsleute an jenen Gebieten, die an das Mittelmeer grenzten und ihrerseits Verbindungen bis nach Zypern und Kreta besaßen.
 
Denk- und Verhaltensweisen, widergespiegelt im Briefverkehr
 
Die Individualität und Eigenverantwortlichkeit des altbabylonischen Menschen zeigt sich auch in einer Gattung von Texten, die nun ganz besonders häufig vertreten ist: den Briefen. In ihnen wurden fast alle Themen des Miteinanders behandelt, mit Ausnahme jener, die das private Leben, den Bereich innerhalb des Hauses betrafen. Allerdings muss man davon ausgehen, dass ein großer Teil dieser Briefe von professionellen Schreibern formuliert wurde, denen die meist analphabetischen Auftraggeber den Wortlaut oder Inhalt angaben. Solche Schreiber waren in den Städten leicht zu finden, entweder am Tor oder nahe den öffentlichen Gebäuden. Auch wenn also oft Berufsschreiber die Texte stilisierten, sind die Briefe auch für das Miteinander der einfachen Bevölkerung Babyloniens aufschlussreich, umso mehr, als sie gelegentlich Wendungen der Umgangssprache mit aufnahmen. Sie vermitteln dann einen gewissen Eindruck davon, wie man sich auf der Straße unterhielt, welche Redensarten man im Gespräch verwendete.
 
Für die einleitenden Worte, die Anrede und Begrüßung, gab es bestimmte Formulierungen, die dem Verhältnis des Absenders zum Adressaten entsprachen und dem Adressaten Gottes Segen wünschten. Oft folgen dann Bemerkungen betreffend die vorausgehende Korrespondenz, nicht selten mit der Klage darüber, dass der Adressat immer noch nicht geantwortet habe, was in einem Falle ironisch als »schönes Benehmen« bewertet wird. Dem Adressaten sei es offenbar gleichgültig zu erfahren, ob es dem Absender gut gehe und ob er überhaupt noch am Leben sei. Emotionen werden auch sonst beschrieben, etwa wenn der Absender behauptet, er habe vor Kummer mehrere Tage weder Brot noch Wasser zu sich nehmen können und sein Herz sei gebrochen. Deutlich wird auch das Prinzip, dass gute Taten belohnt werden sollten und Freundlichkeit zu erwidern sei. Wenn man ein Anliegen vortrug, dann appellierte man an den Briefempfänger, er solle sich wie ein Bruder verhalten, wobei hier nicht von einem wirklichen Verwandtschaftsverhältnis ausgegangen werden muss. Ausdrucksvoll sind auch die Vorwürfe und Klagen formuliert. So wird dem Adressaten etwa unterstellt, er habe nichts getan, »was auch nur einen Laib Brot für mich wert gewesen wäre«. Es gebe niemanden, der einem »seinen Hals zuwendet«, man sei nackt, die Kehle sei durchschnitten. Das Leiden sei so groß, dass man lebe, als ob man gestorben sei. »In einem Sumpf liege ich, und unter Jammern und Weinen bin ich betrübt«, oder: »Aus Mangel an Essen und Trinken bin ich mager, ferner habe ich nichts anzuziehen.« Gewiss sind das Formulierungen, die auch im direkten Umgang mit anderen verwendet wurden. Manchmal mag auch der Schreiber aus seinem Repertoire einiges formuliert haben, so etwa, wenn ein Anliegen mit dem Hinweis verbunden wird, dass »bei meinem Herrn kein Schwacher einem Mächtigen ausgeliefert wird, solle die ganze Stadt Sippar sehen« — eine Wendung, die sich offenbar auf ein Versprechen des Königs beruft. Am Schluss findet sich dann oft die Aufforderung, die Sache nicht auf die lange Bank zu schieben oder gar das Anliegen des Briefes völlig zu ignorieren. Wie es sich zeigt, geben die Briefe einen gewissen Eindruck davon, wie man miteinander sprach und umging.
 
Gesellschaft und Recht in mittelassyrischer Zeit
 
Die politischen Veränderungen, die sich um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. in den Ländern des Vorderen Orients vollzogen, haben sich auch auf die mesopotamischen Staaten ausgewirkt. Nach dem Ende der altbabylonischen Dynastie Hammurapis, das mit einem Einfall der kleinasiatischen Hethiter verbunden war, sowie der Entstehung des starken Staates der Hurriter, des Mitannireiches in Obermesopotamien und Nordsyrien, war in Babylonien eine neue Dynastie auf den Thron gelangt, die der Kassiten. In Nordmesopotamien konnte sich Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr., nach dem Fall Mitannis, das Königreich von Assur entwickeln, das heißt der mittelassyrische Staat — heute so benannt, um diese Periode des 14. bis 11. Jahrhunderts v. Chr. von der altassyrischen Zeit zu Beginn des 2. Jahrtausends und dem Neuassyrischen Reich des 1. Jahrtausends abzugrenzen. Was an Texten aus der Hauptstadt Assur sowie einigen anderen nordmesopotamischen Zentren auf uns gekommen ist, erlaubt besser als das weniger umfangreiche schriftliche Zeugnis des kassitischen Babylonien, einen Eindruck von der (nord) mesopotamischen Gesellschaft und ihrem Recht zu erhalten. Diesen Texten zufolge bildete auch weiterhin die Familie die Grundzelle der Gesellschaft. Sie war mit ihrer Hauswirtschaft eingebunden in Gemeinden, die dem Herrscher zu Abgaben und Dienstleistungen verpflichtet waren. Diese Gemeinden bildeten aber nur einen administrativen Rahmen der Familienwirtschaften; Schutz gegenüber dem König und den mit ihm verbundenen großen Familien konnten sie kaum gewähren. Denn wiederum war die Verschuldung der kleinen Betriebe ein Problem, und wenn die Darlehen bzw. die Zinsen nicht gezahlt werden konnten, wurden die Familien abhängig. In die gewachsenen sozialen Strukturen wurde dann offenbar auch die aus eroberten Gebieten zwangsweise umgesiedelte Bevölkerung eingefügt. Die deportierten Familien erhielten aus dem königlichen Landfonds Boden, waren vom Herrscher und seinen Beamten abhängig und zu Dienstleistungen verpflichtet.
 
In der nordmesopotamischen Stadt Assur sind bei den Ausgrabungen Tontafeln mit rechtlichen Regelungen entdeckt worden, die im 12. Jahrhundert v. Chr. niedergeschrieben wurden; sie werden heute als mittelassyrische Gesetze bezeichnet. Hier wie auch sonst spiegeln solche Aufzeichnungen freilich nicht nur die Zeit ihrer Niederschrift, sondern auch ältere Situationen wider. Da die Paragraphen der am besten erhaltenen Tafel sich weitgehend mit Rechtsfällen in Verbindung mit Frauen befassen, wird sie zuweilen als »Frauenspiegel« bezeichnet. Zunächst geht es um Delikte wie Diebstahl oder Hehlerei, um Misshandlungen, um Ehebruch und Kuppelei, wobei als Strafzumessung je nach Schwere des Vergehens Tod, Verstümmelung, körperliche Züchtigung oder Geldbuße erwähnt werden. Falsches Zeugnis sollte auch hier bestraft werden — etwa dann, wenn jemand eine Frau der Untreue bezichtigte, das aber nicht beweisen konnte; es drohten ihm dann Stockschläge, Frondienst und Geldbuße. Eine ganze Reihe von Regelungen (§§ 25—49) behandeln eherechtliche Probleme wie Erbschaft nach dem Tod des Gatten, Mitgift, Wiederverheiratung, Unterhalt und Verstoßung oder auch Zauberei. Schließlich folgen dann noch einmal strafrechtliche Bestimmungen, so etwa im Fall des Verlustes der Leibesfrucht durch Schläge, Abtreibung (mit Androhung des Pfählens und der Nichtbestattung) oder Vergewaltigung. Die Verschleierung des Gesichts wird als Vorrecht der verheirateten Frau erwähnt, und einer Dirne, die sich verschleierte, drohten Stockschläge, das Begießen ihres Kopfes mit Asphalt und der Verlust ihrer Kleider (§ 40). Am Ende der datierten Tafel heißt es, dass über diese Bestimmungen hinaus ein Bürger seine Gattin prügeln, raufen, ihre Ohren verletzen und durchbohren dürfe, ohne dass ihn eine Schuld treffe. Die Fragmente der weiteren Tafeln enthalten Bestimmungen in Verbindung mit Grundstücken, die auf die Erhaltung von Eigentum zielten, zur Haftung und zum Erbrecht.
 
Die mesopotamische Gesellschaft im Neuassyrischen Reich
 
Wie schon an der Wende zum 2. Jahrtausend, kam es auch beim Übergang zum 1. Jahrtausend zu Veränderungen in der ethnischen und politischen Landschaft Vorderasiens, die auf die sozialen Verhältnisse in den einzelnen Regionen nicht ohne Wirkung blieben. Durch eine erneute Zuwanderung von semitischsprachigen Bevölkerungen aus dem Randgebiet der syrisch-arabischen Wüstensteppe, die der Aramäer und mit ihnen verwandter Gruppen, aber auch durch das Vordringen der »Seevölker« aus dem ägäischen Raum in die Küstengebiete des Mittelmeeres wurden zum Teil wieder ältere soziale Strukturen stärker zur Geltung gebracht. Eine Krise der Wirtschaft und Politik der bronzezeitlichen Staaten führte zudem dazu, dass es diesen Zuwanderern leichter wurde, sich auch in Mesopotamien zu etablieren und politischen Einfluss zu erlangen. Dennoch kam es dadurch im Zweistromland, vor allem in den Kernlanden Assyriens und Babyloniens, nicht zu tief greifenden sozialen Veränderungen. Die Zuwanderer fügten sich hier bald in die überkommenen sozialen Strukturen ein, auch wenn das Aramäische allmählich zur Umgangssprache wurde. Was auf den dauerhaften Tontafeln in Keilschrift überliefert ist, zeigt vor allem das Fortwirken der wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen des 2. Jahrtausends und zugleich das Bemühen, Anschluss an die Entwicklung im ostmediterranen Raum zu gewinnen, der zum Hauptplatz des überregionalen Austausches geworden war. Das geschah auch durch Einsatz militärischer Gewalt, das heißt eine wachsende Zahl von Feldzügen in die Länder vor allem westlich des Euphrats sowie in die rohstoffreichen Bergländer im Osten.
 
Die zahlreichen Heerzüge neuassyrischer Könige brachten nicht nur Beute und Tributlieferungen an den Tigris, wovon außer dem Herrscherhaus selbst vor allem die großen Kaufleute profitierten, die ihren Reichtum auch in Grunderwerb anlegten. Die Königsinschriften zeigen zudem, dass die seit mittelassyrischer Zeit praktizierte Deportation von ganzen Bevölkerungsgruppen und deren Ansiedlung im Zweistromland dort die Zusammensetzung der Bevölkerung veränderte, umso mehr, als während der Kriegszüge zahlreiche assyrische Soldaten ums Leben kamen. Arbeitskräfte wurden in Assyrien, später auch in Babylonien oft in großen Massen eingesetzt, vor allem beim Bau neuer Residenzen, die in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft wurden. Als man dazu überging, in den unterworfenen Gebieten eine assyrische Verwaltung einzurichten, erschloss das nicht nur dem König, sondern auch den Gouverneuren und ihren Beamten neue Einkünfte, die dann auch zum Immobilienerwerb in Mesopotamien genutzt werden konnten. Die Tendenz zur Entstehung von privatem Großgrundbesitz wurde dadurch noch verstärkt.
 
Was an Urkunden neuassyrischen Rechts bislang überliefert ist, kann sich jedoch nicht mit dem messen, was etwa für die altbabylonische Zeit zur Verfügung steht. Das dürfte seinen Grund auch darin haben, dass für entsprechende Rechtsurkunden und Verwaltungstexte, die in aramäischer Sprache abgefasst wurden, vor allem die neuen Schriftträger Leder (Pergament) und Papyrus verwendet wurden, die aber, anders als die Tontafeln, die Jahrtausende nicht überdauerten. Was auf Tontafeln erhalten geblieben ist, zeigt weitgehend das Fortbestehen älterer Traditionen. Oberste richterliche Instanz war zweifellos der König, der sein Amt wohl aber nur bei besonderen Kapitalvergehen ausübte. Ansonsten waren hohe Beamte dafür zuständig, Rechtsfälle zu untersuchen und zu entscheiden. Zeugen, Eid und auch das Gottesurteil, das Ordal, waren die wichtigsten Mittel der Beweisführung. Sachleistungen der Verurteilten an die Geschädigten waren jetzt wohl die Regel; erst dann, wenn der Täter dazu nicht in der Lage war, konnten Körperstrafen oder gar die Todesstrafe verhängt werden. Was die Stellung der Frau betrifft, so kann ein pauschales Urteil nur schwer gefällt werden. Der jeweilige soziale Rang spielte eine wesentliche Rolle, ebenso aber auch die privatrechtliche Absicherung durch entsprechende Eheverträge oder andere gesiegelte Urkunden; rechts- und geschäftsfähig dürfte die freie Frau prinzipiell gewesen sein. Die neuassyrischen Kreditverträge zeigen Bürgschaft und Pfand (Personen, Vieh oder Immobilien) als Mittel der Vertragssicherung. Überliefert sind auch zahlreiche Urkunden über Darlehen, verzinslich oder zinslos, sowie Kaufverträge, vor allem Immobilien oder Personen betreffend. Für den Fall einer Anfechtung des Vertrages wurden auch schwere Körperstrafen angedroht, die offenbar eine abschreckende Wirkung ausüben sollten. Der Schutz des Eigentums spielte somit gerade in einer Gesellschaft eine besondere Rolle, in der sich die Besitzverhältnisse weiter differenzierten. Inwieweit sich dagegen Widerstand regte und entsprechend artikulieren konnte, ist unklar. Der Angriff der medischen und babylonischen Gegner auf die Zentren assyrischer Macht könnte vielleicht nicht nur außerhalb des Kernlandes Sympathisanten gefunden haben.
 
Die babylonische Gesellschaft im Reich Nebukadnezars II.
 
Der Zusammenbruch Assyriens im späten 6. Jahrhundert v. Chr. bedeutete zugleich den Aufstieg babylonischer Macht. Unter Nebukadnezar II. (604—562), dem bedeutendsten König des Neubabylonischen Reiches, umfasste der von Babylon aus regierte Staat wieder ganz Mesopotamien und Syrien. Erneut kam es zu ausgedehnten Feldzügen, durch die Babylon das Erbe Assyriens im Vorderen Orient antrat, und in Zusammenhang damit zur Deportation von Teilen der unterworfenen Bevölkerung, wie etwa zahlreicher Bewohner Jerusalems, an die »Wasser Babylons«. Viele von ihnen wurden beim Ausbau der Hauptstadt Babylon eingesetzt, von deren einstigem Aussehen noch Bauwerke zeugen, die bei den deutschen Ausgrabungen zutage kamen. Anders als im assyrischen Norden Mesopotamiens haben in der Wirtschaft Babyloniens die Tempel stets eine wesentliche Rolle gespielt, doch kam es auch hier zu einem weiteren Anwachsen privaten Grundbesitzes, gespeist aus Kron- und Gemeindeland. Denn auch die Anlage der Gewinne aus Geschäften wie etwa Handel und Kreditvergabe erfolgte großenteils in Immobilien. Bekannt ist durch seine wieder entdeckten Tontafelarchive vor allem das Geschäftshaus der Familie Egibi. Die Firma beteiligte sich am überregionalen Austausch, vergab Darlehen, verwaltete Deposita und Häuser, nutzte Gewinn bringend Grundstücke und Sklaven oder betrieb mit ihnen einen einträglichen Handel.
 
Was an Rechtsurkunden überliefert ist, stammt vor allem aus den privaten Archiven von Geschäftshäusern, wie denen der eben erwähnten Familie Egibi in Babylon sowie der Familie Muraschu in der Stadt Nippur. Interessant sind dabei vor allem die »Zwiegesprächsurkunden«, in denen Erklärungen der beteiligten Partei(en) im Wortlaut in den Text eingefügt worden sind. Des Öfteren erscheint in den Vertragstexten überdies die Wendung »in der Freude seines Herzens«, womit das Vertragsangebot als eine freie Entscheidung gekennzeichnet werden sollte. Auch sonst lassen sich hinsichtlich der Formulierung von Urkunden Neuerungen erkennen, durch die den jeweiligen Rechtsbeziehungen präziser entsprochen werden sollte.
 
Erhalten geblieben sind aus der neubabylonischen Zeit nicht nur zahlreiche Rechtsurkunden, sondern dazu ein Fragment von Rechtssatzungen, offensichtlich die Abschrift durch einen fleißigen Schüler dieser Zeit, der zu Hause wohl Aramäisch sprach, in der Gelehrtenschule aber Babylonisch-Assyrisch lernte. Auch die neubabylonischen Herrscher haben sich in ihren Keilinschriften gern als »König der Gerechtigkeit« bezeichnet. Dass auch sie gesetzgeberisch tätig waren, könnte ein literarischer Text andeuten, und Rechtsurkunden berufen sich gelegentlich auf königliche Regelungen. Ein Gesetzesfragment behandelt in seinen 15 wenigstens teilweise überlieferten Paragraphen zunächst Feldangelegenheiten, die Anfechtung eines Sklavenkaufs, die Entlohnung einer Frau für den Vollzug eines magischen Ritus, außerdem Fragen des Besitzstands und der Mitgift sowie des Erbes. Die Regelung, dass bei fahrlässigem Verhalten bei der Feldbewässerung dem geschädigten Feldnachbarn eine Entschädigung in Höhe des zu erwartenden Ertrags zu leisten sei (§ 3), findet ihre Entsprechung in den Gesetzen Hammurapis (§ 55) und unterstreicht damit das Fortwirken älterer Rechtstraditionen in Babylonien.
 
Das Ende des Neubabylonischen Reiches durch den Angriff der Perser hat nicht dazu geführt, dass sich die mesopotamische Gesellschaft und ihr Recht schlagartig verändert hätten. Auch die babylonische Sprache wurde zunächst bei offiziellen Verlautbarungen und in den Gelehrtenschulen noch weiter verwendet, obwohl dann auch hier immer mehr das Aramäische und schließlich, nach der Eroberung Mesopotamiens durch Alexander den Großen, das Griechische an ihre Stelle traten. Doch in welcher Sprache auch immer, die Regelung der Rechtsbeziehungen in Mesopotamien wie auch im übrigen Vorderasien dürfte auch weiterhin, vor allem außerhalb der neu gegründeten hellenistischen Städte, weitgehend nach alter Tradition erfolgt sein.
 
 Mesopotamien: Teil der europäischen Vergangenheit?
 
Etwa 3000 Jahre mussten von der Zeit, als in Vorderasien die frühesten Hochkulturen entstanden und auch in schriftlichen Zeugnissen als historische Größe fassbar wurden, bis zur Eroberung durch die Perser in einem raschen Überblick durchschritten werden. Mehr als ein Jahrhundert wissenschaftlicher Forschung, in Ruinenstätten wie am Schreibtisch, hat bis heute die Grundlage dafür geliefert, dass dies nun möglich ist. Jedes Jahr kommen neue inschriftliche Funde und archäologische Entdeckungen hinzu; die Wissenschaft vom Alten Orient vermag dadurch immer besser auch über die Geschichte der Staaten zu urteilen, die während dieser Jahrtausende zwischen dem iranischen Hochland und dem Mittelmeer, dem Schwarzen Meer und dem Delta des Nils bestanden. Zugleich aber werfen die Forschungen auch neue Probleme auf, die ihrer Lösung harren.
 
Was zunächst verwirrend wirken mag, ist, etwa gemessen an der Geschichte Altägyptens, die Vielfalt an Völkern, Staaten und Dynastien, die es schwierig gestalten, Vorderasien als Ganzes darzustellen. Eine Rolle spielte bei dieser Entwicklung auch die sehr unterschiedliche Naturausstattung der einzelnen Bereiche Vorderasiens, die dem Menschen eine differenzierte Ausgangsbasis für die Entwicklung seiner Fähigkeiten und Beeinflussung seiner Umwelt bot. Gebirge oder Wüsten, aber auch die verschiedenen Sprachen und Schriftarten erschwerten die Kommunikation zwischen den Teilregionen. Das dennoch erfolgte Zusammenwachsen wurde mehrfach durch die Zuwanderung anderer Bevölkerungen gestört, die sich dann entweder assimilierten oder aber prägend wurden.
 
Trotzdem lassen sich einige Phasen in der Geschichte des vorpersischen Vorderasien herausheben: zunächst ein regional und zeitlich differenzierter Übergang zum Bodenbau und zur Haustierzucht, der in Vorderasien schon abgeschlossen werden konnte, als mit den ersten Schriftzeugnissen die Entwicklung in ihre historische Phase eintrat. Dort, wo das am frühesten geschah, konnte aufgrund günstiger Voraussetzungen schon seit langem sesshafte Landwirtschaft betrieben werden. Im südlichen Mesopotamien zwangen die natürlichen Bedingungen — trockenes Klima, aber ständig Wasser führende Flüsse — dazu, dass die einzelnen Siedlungsgemeinschaften kooperierten. Es ist gewiss kein Zufall, dass gerade hier die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen schon früh zu schriftlichen Aufzeichnungen führten. Von hier gingen fördernde Einflüsse auch auf andere Regionen aus, und wo die Bedingungen dafür gegeben waren, kam es dort zu hochkulturellen Entwicklungen. Doch es wäre falsch, den Eintritt Vorderasiens in die Reihe der Hochkulturen nur von einem einzigen Zentrum her abzuleiten. Im »Fruchtbaren Halbmond« haben nicht nur im südlichen Zweistromland, sondern auch in dessen nördlichem Teil sowie in den Ackerfluren Syriens die Verhältnisse sich einander allmählich angeglichen. Zugleich aber wird eine politische Differenzierung deutlich, die sich im 3. Jahrtausend in unterschiedlichen Staatswesen äußerte, die mit- und gegeneinander bestanden. Dabei erfolgte bereits der Übergang vom Stadtstaat zum Territorialstaat, der unterschiedliche regionale politische Systeme zusammenschloss und über die Handelsrouten Einfluss auf größere Bereiche Vorderasiens ausübte. Es war nur eine Konsequenz, wenn diejenigen, die diese Macht besaßen, sich auch als Landesgötter verehren ließen.
 
Die wirtschaftlichen und politischen Umbrüche an der Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend, an denen auch zuwandernde Bevölkerungen ihren Anteil hatten, haben zu Neubeginn und Fortführung älterer Traditionen zugleich geführt. Ließen sich bedeutendere Staaten zuvor bislang nur für das mittlere und südliche Zweistromland sowie die Ackerebenen des nördlichen Syrien feststellen, so kam es nun zu einer größeren Zahl von Königtümern nicht nur im gesamten Bereich des »Fruchtbaren Halbmonds«, sondern auch nördlich des Taurus. Die gewachsenen Notwendigkeiten und Möglichkeiten eines Kontakts, der vor allem den Handelsrouten in Richtung auf das Mittelmeer folgte, komplizierten die politische Landschaft nicht nur durch die Aktivitäten der verschiedenen Dynastien, sondern auch durch eine umfangreiche, wenngleich in ihren Aussagen unterschiedliche schriftliche und bildliche Überlieferung. Der Schwerpunkt der Begegnung verlagerte sich stärker in den nordmesopotamisch-nordsyrischen Raum, wohl auch deshalb, weil das östliche Mittelmeer nun, entgegen dem einst dominierenden Handel im Bereich des Persischen Golfs, zum vorrangigen Partner des vorderasiatischen Binnenlandes geworden war. Stärker als zuvor wurden nun auch Ägypten und Kleinasien in die vorderasiatische Machtpolitik mit einbezogen. Die Vorherrschaft wechselte zwischen Obermesopotamien und Babylonien, Hatti und Mitanni, wobei sich schließlich im Raum am oberen Tigris mit dem Mittelassyrischen Reich ein Machtzentrum etablierte, dessen Expansion bis zum Mittelmeer nur durch den Zusammenbruch der wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Bronzezeit am Ende des 2. Jahrtausends aufgehalten wurde.
 
Es war aber dennoch Assyrien, von dem dann erneut, im frühen 1. Jahrtausend v. Chr., eine Ausdehnung politischer Macht auf einen großen Teil Vorderasiens ausging. Der lange Weg des Neuassyrischen Reiches bis zu seinem Höhepunkt im 7. Jahrhundert, als fast ganz Vorderasien dem Machtanspruch seiner Könige untergeordnet wurde, zeigt einerseits die auseinander strebenden Interessen der regionalen Einheiten, andererseits aber auch einen Trend, der von einer gewissen wirtschaftlichen und kulturellen Vereinheitlichung mitgetragen wurde und der fortwirkte, als das Neubabylonische Reich die Nachfolge Assyriens antrat.
 
Mit der Machtübernahme durch die Perser war nicht das Ende der altorientalischen Geschichte gekommen. Doch auch wenn die persischen Großkönige sich bewusst in die ältere Tradition stellten, so zeigten sich doch Anzeichen einer über Vorderasien weit hinausreichenden Gemeinsamkeit, in die aus dem asiatischen Osten wie dem griechischen Westen Neues eingespeist wurde, das allmählich die eigene Überlieferung, auch die der Keilschrift, verdrängte. Zugleich wurde manches aus der altorientalischen Tradition, bewusst oder unbewusst, an neue Hochkulturen weitergegeben. Auch für den Europäer sind daher Geschichte und Kultur des alten Vorderasien ein Teil seiner eigenen Vergangenheit.
 
Prof. Dr. Horst Klengel
 
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Die ägyptisch-hethitische Korrespondenz aus Boghazköi in babylonischer und hethitischer Sprache, herausgegeben von Elmar Edel. 2 Bände. Opladen 1994.
 
Altbabylonische Briefe in Umschrift und Übersetzung, herausgegeben von Fritz Rudolf Kraus. Auf mehrere Bände berechnet. Leiden 1964 ff.
 
Der alte Orient. Geschichte und Kultur des alten Vorderasien, Beiträge von Barthel Hrouda u. a. München 1991.
 
Altorientalische Literaturen, herausgegeben von Wolfgang Röllig. Wiesbaden 1978.
 
Erklärendes Wörterbuch zur Kultur und Kunst des Alten Orients. Ägypten, Vorderasien, Indien, Ostasien, unter Mitarbeit von Helmut Freydank u. a. Illustrationen von Hans-Ulrich Herold. Hanau 1985.
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 2: Die altorientalischen Reiche, Teil 1: Vom Paläolithikum bis zur Mitte des 2. Jahrtausends, herausgegeben von Elena Cassin u. a. Frankfurt am Main 1994.
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 3: Die altorientalischen Reiche, Teil 2: Das Ende des 2. Jahrtausends, herausgegeben von Elena Cassin u. a. Frankfurt am Main1993.
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 4: Die altorientalischen Reiche, Teil 3: Die erste Hälfte des 1. Jahrtausends, herausgegeben von Elena Cassin u. a. Frankfurt am Main 1993.
 Frey, Wolfgang / Kürschner, Harald: Die Vegetation im Vorderen Orient. Erläuterungen zur Karte A VI 1 Vorderer Orient. Vegetation des »Tübinger Atlas des Vorderen Orients«. Wiesbaden 1989.
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Die keilschriftlichen Rechtssammlungen in deutscher Fassung, herausgegeben von Richard Haase. Wiesbaden 21979.
 
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 Wirth, Eugen: Agrargeographie des Irak. Hamburg 1962.

Universal-Lexikon. 2012.

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